Abstracts Sessions Freie Vorträge
Freie Vorträge 1
Peripartale psychische Gesundheit, Geburtserleben und frühe Elternschaft
Peripartale psychische Gesundheit: Ein Konzept zur Implementation eines Identifikationsverfahrens in den geburtshilflichen Alltag
Martha Marko, Jena
Peripartale psychische Gesundheit: Ergebnisse der Befragung zum subjektiven Geburtserleben
Martha Marko, Jena
Traumaprävention in der Geburtshilfe: monozentrische, prospektive mixedmethods Explorationsstudie
Kristina Killinger, Heidelberg
DilaCom – Ein Mixed-Methods-Ansatz zur Untersuchung psychosozialen Erlebens von und Umgangs mit Geburtseinleitung mit Misoprostol und Dilapan-S
Annika Dimitrov-Discher, Berlin
Postpartales psychisches Befinden im Kontext des peripartalen Schlaferlebens.
Eine prospektive Längsschnittstudie
Angela Klein, Bonn
Die Behandlung ambivalenter, sich gegenseitig blockierender Gefühle in einer Schwangerschaft, nach einer stillen Geburt
Natalie Heinermann, Nürnberg
Auswirkung mütterlicher Kindesmisshandlungserfahrungen auf den Behandlungserfolg einer interaktionszentrierten Mutter-Kind-Behandlung
Julia Frohberg, Dresden
Müttersterblichkeit und schwere belastende Ereignisse in der Geburtshilfe: Wie geht es uns damit?
Lito-Laura Gerhold, Berlin
Psychosoziale und körperliche Vulnerabilität im Wochenbett und darüber hinaus–warum Übergänge Begleitung brauchen und wie diese präventiv wirken kann
Annika Winn, Kleinmachnow
Geburtspläne im Wandel – ein körperorientierter, traumasensibler Ansatz zur Stärkung von Handlung und Beziehung
Zuzana Laubmann, Erlangen
Systematisches Screening auf Belastungsfaktoren in Frauen- und Kinderarztpraxen: Eine Machbarkeitsstudie am Beispiel des Projekts Familienlotse Mitte
Lito-Laura Gerhold, Berlin
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Peripartale psychische Gesundheit: Ein Konzept zur Implementation eines Identifikationsverfahrens in den geburtshilflichen Alltag
Marko M, Heimann Y, Weschefelder F, Schleußner, E
Klinik für Geburtsmedizin, Universitätsklinikum Jena, Jena
Einleitung Das subjektive Erleben der Geburt beeinflusst das Risiko für die Entwicklung einer PTBS nach Geburt maßgeblich (Froeliger A, Deneux-Tharaux C, Seco A, Sentilhes L, 2022). Unser Ziel war deswegen die Implementierung eines ressourcenschonenden Verfahrens zur Erfassung des Geburtserlebens im Klinikalltag und die frühe Identifikation von Risikokonstellationen, um eine rechtzeitige psychologische Nachbetreuung zu ermöglichen.
Methode Im ärztlichen Abschlussgespräch wird jede Frau gebeten, aus heutiger Sicht die Schulnote 1–5 für ihr gesamtes Geburtserleben zu vergeben, einschließlich Verlauf, erinnerter Erlebnisse, Betreuung, Schmerzen und sonstiger relevanter Aspekte. Die Bewertung wird in die Dokumentation des Abschlussgesprächs integriert und für weitere Auswertungen zugänglich gemacht. Bei Note 1–3 wird die Familie auf die Möglichkeit eines psychologischen Nachgespräches hingewiesen, bei 4–5 erfolgt ein aktives Angebot eines solchen Gespräches. Auf Wunsch der Familie erfolgt die Kontaktaufnahme mit der Stationspsychologin auf der Wochenbettstation oder die Vereinbarung eines ambulanten Nachbetreuungstermins. Bei Bedarf wird ggf. eine Einbindung des geburtshilflichen Teams organisiert, um offene medizinische Fragen zu klären.
Im psychologischen Gespräch wird das Geburtserleben unter Berücksichtigung möglicher Hinweise auf PTBS (Intrusionen und Vermeidung) reflektiert. Bei Anzeichen persistierender Belastung wird eine Psychotherapie vermittelt. Bis zum Therapiebeginn kann eine ambulante Begleitung durch die Stationspsychologin erfolgen.
Schlussfolgerung Das Vorgehen ist ressourcenschonend und integriert sich nahtlos in die bestehenden Abläufe. Es ermöglicht eine frühzeitige Erkennung schwieriger Geburtserlebnisse und eine zeitnahe psychologische Nachbetreuung, mit dem Potenzial belastete Familien schnellstmöglich zu unterstützen. Außerdem zeigt sich in den Ergebnissen eine durchschnittlich bessere Bewertung im Verlauf der Zeit, was auf positive Rückkopplung
Peripartale psychische Gesundheit: Ergebnisse der Befragung zum subjektiven Geburtserleben
Marko M, Heimann Y, Weschefelder F, Schleußner, E
Klinik für Geburtsmedizin, Universitätsklinikum Jena, Jena
Hintergrund: Schlechte Geburtserlebnisse können Bonding und die Neugeborenenentwicklung negativ beeinflussen und postpartale psychische Störungen begünstigen. Potentiell gefährdete Frauen früh zu identifizieren und klinische Prädiktoren für ein schlechtes Geburtserlebnis zu etablieren, ermöglicht eine präventive individualisierte psychologische Betreuung.
Methodik: Seit Oktober 2022 bewerten Mütter während des ärztlichen Abschlussgesprächs in der Klinik für Geburtsmedizin Jena ihr Geburtserlebnis anhand einer 5-Punkte-Likert-Skala: positiv/neutral (1–3), negativ (4–5). Anhand binärlogistischer Modelle werden Odds Ratios für anamnestische, schwangerschaftsbedingte und peripartale Parameter geschätzt sowie eine Korrelation zwischen Punktzahl und geburtshilflichen Daten geprüft.
Ergebnisse: Bis Januar 2026 wurden 3380 Frauen befragt, die im Median das Geburtserlebnis mit gut (= 2) bewerteten (IQR 1–2), wobei 270 (7,99 %) Mütter ein schlechtes oder sehr schlechtes (= 4/5) Geburtserlebnis angaben. Wir konnten den Einfluss eines abnormen pränatalen Screenings (OR 2,23; 95% KI 1,28-3,81), der sekundären Sectio (OR 2,45; KI 1,35-4,53), einer plazentaren Insuffizienz (OR 1,83, 95% KI 1,012-3,22), einer Eisenmangelanämie (OR 14,37, 95% KI 2,22-80,25) und Verletzungen unter der Geburt (OR 2,46, 95% KI 1,11-5,22) auf ein negatives Geburtserlebnis nachweisen. Zusätzlich zeigte sich eine negative Korrelation zur Parität (ρ -0,16) und eine positive Korrelation zur Dauer der Austreibungsperiode (ρ 0,19) (jeweils p < 0,01).
Fazit: Die Integration einer strukturierten Routineabfrage zum Geburtserleben in den klinischen Alltag zeigt, dass 9 von 10 Wöchnerinnen mit ihrem Geburtserlebnis zufrieden sind. Zudem wird ermöglicht, prä- und intrapartale Einflüsse sowie klinische Prädiktoren für psychische Belastungsreaktionen nach der Geburt zu identifizieren.
Traumaprävention in der Geburtshilfe: monozentrische, prospektive mixed-methods Explorationsstudie
Killinger K 1, Mindermann S 2, von Au A 1, Taubner S 2
1 Gynäkologie und Geburtshilfe, Universitätsklinikum Heidelberg
2 Institut für Psychosoziale Prävention und Psychotherapie, Universitätsklinikum Heidelberg
Hintergrund: Die Geburt stellt einen Wendepunkt im Leben werdender Eltern dar und geht mit tiefgreifenden physiologischen, psychischen und sozialen Veränderungen einher. Während viele die Erfahrung positiv bewerten, wird sie für einen bedeutsamen Anteil zu einer Quelle erheblicher Belastung. Metaanalytisch liegt die Prävalenz negativer Geburtserfahrungen bei 16% der Gebärenden, bei Partner:innen zwischen 3–25%. Traumatische Geburten belasten darüber hinaus Hebammen und Geburtshelfer:innen massiv: 98,9% berichteten mindestens ein geburtsspezifisches Trauma. Angesichts ihrer Häufigkeit und weitreichender Folgen (P-PTBS, Bindungsstörungen, reduzierte Geburtenraten) rücken negative subjektive Geburtserfahrungen erst kürzlich verstärkt in den Fokus – und bilden eine hochrelevante Grundlage für Prävention, Versorgungssicherheit sowie langfristige Familiengesundheit.
Ziele: Untersuchung prä-, peri- und postnatale Prädiktoren negativer subjektiver Geburtserfahrungen sowie postpartaler posttraumatischer Belastungsstörungen bei Gebärenden und Begleitpersonen. Ziel ist die Entwicklung einer evidenzbasierten Grundlage für ein zukünftiges Präventionsprogramm sowie eines Screeningtools zur Reduktion von P-PTBS nach der Geburt eines Kindes.
Methoden: In einem prospektiven Mixed-Methods-Längsschnittdesign mit vier Messzeitpunkten werden 800 Gebärende und bis zu 800 Begleitpersonen ab dem dritten Schwangerschaftstrimester bis sechs Monate postpartal begleitet. Erhoben werden psychosoziale, geburtsbezogene und interaktionelle Einflussfaktoren auf das Geburtserleben und die Entwicklung einer P-PTBS sowie Auswirkungen dieser auf die postpartale elterliche psychische Gesundheit
Erwartete Ergebnisse: Aktuell befinden wir uns in der Rekrutierungsphase seit 12/25 und wollen unser Konzept und vorläufige Ergebnisse der ersten 300 Teilnehmenden präsentieren.
Schlussfolgerung: Geschlechtergerechte Präventionskonzepte sind notwendig und von hoher gesundheitspolitischer Relevanz.
DilaCom – Ein Mixed-Methods-Ansatz zur Untersuchung psychosozialen Erlebens von und Umgangs mit Geburtseinleitung mit Misoprostol und Dilapan-S
Dimitrov-Discher A 1, Wehrle EG 2, Skeide A 2, Königbauer J 1
1 Klinik für Geburtsmedizin, Charité Universitätsmedizin Berlin
2 Institut für Hebammenwissenschaften, Charité Universitätsmedizin Berlin
Einleitung Während die medizinische Forschung umfassend Indikationen, Methoden und körperliche Ergebnisse von Geburtseinleitungen berichtet, ist die psychosoziale Komponente vergleichsweise weniger untersucht. Hebammenwissenschaftliche qualitative Studien zeigen, dass viele Frauen den Prozess der Geburtseinleitung als herausfordernd und emotional belastend erleben. Die Qualität der Interaktion mit dem Klinikpersonal, transparente Informationen und Mitbestimmung beeinflussen das Geburtserleben wesentlich.
Methode In einem Mixed-Methods-Design werden qualitative (ca. 20 bis zur Datensättigung) und quantitative Daten (n = 100) im Rahmen eines Embedded Designs parallel erhoben und integriert. Präpartal werden geburtsspezifische Ängste (W-DEQ-A) und wahrgenommener Stress (PSS) erfasst. Postpartal erfolgen Messungen zur Zufriedenheit mit der Einleitung (fachspezifischer Fragebogen) und zur Resilienz (BRS). Teilstrukturierte, leitfadengestützte Interviews, die mittels reflexiver thematischer Analyse ausgewertet werden, untersuchen, wie die Teilnehmerinnen die Geburtseinleitung innerhalb einer klinischen Studie als körperliches, emotionales und soziales Handlungsgeschehen erleben und aktiv mitgestalten.
Ergebnisse Es werden Zusammenhänge zwischen niedriger präpartaler Angst, niedrigem wahrgenommenen Stress und höherer Zufriedenheit sowie Resilienz erwartet. Die qualitativen Daten zeigen konkrete Handlungsstrategien und das Erleben der Frauen auf. Diese umfassen den Umgang mit den Interventionen und Informationen, der klinischen Umgebung sowie Ärzt*innen und Hebammen, den Wehenschmerzen und deren (fraglicher) Effektivität.
Schlussfolgerung Die Integration qualitativer und quantitativer Ergebnisse ermöglicht ein differenziertes Verständnis individueller Erfahrungen und situativer Handlungsstrategien. Dadurch werden evidenzbasierte Ansatzpunkte für eine bedarfsgerechte und personenzentrierte Gestaltung der Geburtseinleitung herausgearbeitet.
Postpartales psychisches Befinden im Kontext des peripartalen Schlaferlebens. Eine prospektive Längsschnittstudie
Klein A
Sektion Gynäkologische Psychosomatik, Zentrum für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Universitätsklinikum Bonn
Einleitung: Die Zeit rund um die Geburt eines Kindes ist verbunden mit Erwartung, dass die Gebärende und Wöchnerinnen weniger als sonst Schlaf bekommen. Dabei ist Schlaf für die körperliche und seelische Gesundheit sehr wichtig. Diese Untersuchung ging folgenden Frage nach: (1) Wirkt sich peripartaler Schlafentzug auf das postapartale psychische Befinden aus? (2) Gibt es einen Zusammenhang zwischen der subjektiven Schlafqualität im zeitlichen Verlauf mit dem psychischen Befinden postpartal.
Methoden: 29 Probandinnen im Alter zwischen 25 und 41 Jahren wurden prä-, peri- und postpartal über 5 Messzeitpunkte mittels Onlinefragebögen zu Schlafmenge (Schlaftagebuch), zu subjektiver Schlafqualität (Pittsburgh Sleep Quality Index; PSQI) und zum postpartalen psychischen Befinden (Edinburgh Postpartal Depression Scale; EPDS) befragt.
Ergebnisse: Alle Probandinnen zeigten peripartal (T2) Schlafentzug sowie Schlaffragmentierung. Zwei Wochen postpartal (T3) zeigten die Probandinnen insgesamt ein signifikant schlechteres psychisches Befinden als in der Spätschwangerschaft (T1). Schlafentzug und Schlaffragmentierung peripartal folgten tendenziell schlechteres psychisches Befinden zwei Wochen und acht Wochen postpartal. Schlechtere subjektive Schlafqualität an T1 war assoziiert mit einem schlechteren psychischen Befinden acht Wochen (T4) und 6 Monate (T5) postpartal, jedoch ohne statistische Signifikanz.
Schlussfolgerung: Zusammenfassung: Es lässt sich feststellen, dass alle Probandinnen von deutlichen Einschränkungen des Schlafes peripartal berichten. Die Ergebnisse bezüglich des Zusammenhangs von peripartalem Schlaf und postpartalen psychischen Befindens sind indifferent, was an der geringen Stichprobengröße liegen kann. Es braucht weitere Forschung zu diesem Thema.
Die Behandlung ambivalenter, sich gegenseitig blockierender Gefühle in einer Schwangerschaft, nach einer stillen Geburt
Heinermann N
Mutter-Kind Tagesklinik und Ambulanz, Psychiatrische Mutter-Kind Station Klinikum-Nürnberg Süd, Nürnberg
Einleitung Frauen, die nach der Erfahrung einer stillen Geburt (Totgeburt) erneut schwanger werden, zeigen häufig die Problematik, sich nicht auf die Schwangerschaft emotional einstellen zu können. Sie empfinden keine Vorfreude, bilden kaum eine Beziehung zu dem noch ungeborenen Kind. Blockierend stellt sich eine massive Angst und ein Vermeidungsverhalten in den Weg. Frauen melden sich zu psychotherapeutischen Gesprächen, an mit dem Ziel ihre Ängste im Zusammenhang mit ihrer Schwangerschaft zu bewältigen, dass sie zu dem neuen Kind eine Beziehung aufbauen können und bestimmte zeitliche Erinnerungsdaten überstehen. Anhand von Fallbeispielen soll ein zeitlich begrenztes therapeutisches Vorgehen, drei bis vier Sitzungen, vorgestellt werden, welches die Frauen unterstützt ihre ambivalenten Gefühle zu identifizieren, vermeidendes Verhalten zu reduzieren und das Erlebte in ihren Lebensweg zu integrieren.
Methode In den Gesprächen fließen psychotherapeutische Elemente der Traumatherapie (u.a. das Narrativ mit Identifikation des schwersten Moments) und der kognitiven Verhaltenstherapie ein (u.a. Bewältigung von Vermeidungsverhalten). Die emotionsfokussierte Verhaltenstherapie ermutigt zu einem Umgang mit der tiefen Trauer.
Ergebnis In einem geschützten, warmherzigen und neutralen Gesprächsklima gelingt es Frauen, sich ihren ambivalenten Gefühlen zu stellen und diese behutsam zuzulassen. Dies ist bedeutsam für die Stressreduktion und den Aufbau einer natürlichen Lebensfreude, neben der Trauer über Geschehene.
Schlussfolgerung Frauen in einer Schwangerschaft, nach dem Erleben einer Totgeburt, wählen verschieden Wege emotional damit zurecht zu kommen. Die psychotherapeutischen Gespräche sollen diesen Frauen helfen, sich ihrer Gefühle bewusst zu werden und sich trauen diese zuzulassen, damit ein Weg der Verarbeitung und des Neubeginns begonnen werden kann. Schon wenige Sitzungen können dabei eine wirkungsvolle Unterstützung sein.
Auswirkung mütterlicher Kindesmisshandlungserfahrungen auf den Behandlungserfolg einer interaktionszentrierten Mutter-Kind-Behandlung
Frohberg J , Bergunde L, Weidner K, Steudte-Schmiedgen S
Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik, Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Technische Universität Dresden
Einleitung Postpartale psychische Störungen und ihre Auswirkungen auf Mutter-Kind-Bindung und kindliche Entwicklung sind angesichts hoher Prävalenzen zunehmend gut untersucht. Als bedeutsamer Risikofaktor für Entstehung und Verlauf dieser Erkrankungen gelten frühkindliche Misshandlungserfahrungen, die mit langfristigen negativen Folgen im Erwachsenenalter einhergehen. Gerade in der sensiblen Übergangsphase zur Elternschaft rücken sie daher auch im Hinblick auf mögliche transgenerationale Transmission belastender Beziehungserfahrungen in den Fokus. Dennoch liegen zu postpartalen Erkrankungen bislang nur wenige Studien vor, die differenzielle Effekte von Art und Ausmaß von Kindesmisshandlungserfahrungen (KM) auf den Behandlungserfolg untersuchen.
Methode Daten von 342 Patientinnen einer interaktionszentrierten Mutter-Kind-Tagesklinik zur Aufnahme, Entlassung sowie einer 1-Jahres-Katamnese liegen vor.
Mütterliche KM wurde zu Behandlungsbeginn mittels Childhood Trauma Questionnaire erfasst. Auswirkungen von KM auf die Psychopathologie (Depression, Ängstlichkeit, psychische Belastung) sowie auf das subjektives Bindungserleben der Mutter über den Behandlungsverlauf wurden mittels Linear Mixed Models untersucht.
Ergebnisse Patientinnen mit höherer KM-Belastung wiesen über alle Messzeitpunkte hinweg signifikant höhere Werte in Depressivität, Ängstlichkeit und psychischer Belastung auf. Für sämtliche Outcome-Maße zeigte sich eine signifikante Verbesserung von Aufnahme zu Entlassung bzw. zur 1-Jahres-Katamnese. Ein signifikanter Interaktionseffekt zwischen KM und Zeit zeigte sich nur für Ängstlichkeit: Mütter mit höherer KM-Belastung profitierten von Entlassung zur Katamnese nicht weiter.
Schlussfolgerung Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung traumatischer Vorerfahrungen in der Peripartalzeit sowie die Notwendigkeit spezialisierter, traumasensibler Behandlungsangebote mit begleitender Nachsorge im Übergang zur Mutterschaft.
Müttersterblichkeit und schwere belastende Ereignisse in der Geburtshilfe: Wie geht es uns damit?
Gerhold L 1, Schmock S 1, Alhaj D 1, Skeide A 2, Königsbauer J 1
1 Geburtsmedizin, Charité Universitätsmedizin Berlin
2 Hebammenwissenschaften, Charité Universitätsmedizin Berlin
Einleitung: Müttersterblichkeit ist ein gravierendes globales Gesundheitsproblem mit weitreichenden psychosozialen Folgen, die über die verstorbene Frau hinaus ihre Familie und die beteiligten Gesundheitsfachkräfte betreffen. Obwohl weltweit bedeutende Fortschritte bei der Senkung der Müttersterblichkeit erzielt wurden, sind die sozialen und psychologischen Auswirkungen des mütterlichen Todes auf die Familien und die Gesundheitsfachkräfte kaum erforscht, insbesondere in Ländern mit hohem Einkommen.
Methodik: In einem narrativen Review wurde die bestehende Literatur zu den psychosozialen Folgen der Müttersterblichkeit für betroffene Familien und medizinisches Personal zusammengefasst. Der Fokus lag auf psychischen Folgen, sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen, Bewältigungsstrategien und institutionellen Unterstützungsstrukturen.
Ergebnisse: Die Erkenntnisse stammen primär aus qualitativen und Mixed-Methods-Studien, die in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen durchgeführt wurden. Das Review zeigt konsistente Muster psychischer Belastung, sozialer Beeinträchtigungen und langfristiger negativer Folgen für Kinder und Familien auf. Es hebt zudem die erheblichen emotionalen, sozialen und beruflichen Folgen für Gesundheitsfachkräfte hervor. Aus Ländern mit hohen Einkommen sind kaum Daten vorhanden.
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse zeigen eine Forschungslücke, was den Umgang mit mütterlichen Todesfällen betrifft, insbesondere in Ländern mit hohen Einkommen. Die vorhandenen Studien unterstreichen den Bedarf an strukturierten Unterstützungssystemen, gezielten Schulungen und weiterer Forschung in Ländern mit hohem Einkommen. Geplant ist eine Erhebung im mixed-methods Design von Gesundheitsfachkräften in der Geburtshilfe, die einen mütterlichen Todesfall oder ein ähnliches belastendes Ereignis erlebt haben. Der Fokus liegt auf Belastungserleben, Copingstrategien und erlebter hilfreicher Unterstützung.
Psychosoziale und körperliche Vulnerabilität im Wochenbett und darüber hinaus–warum Übergänge Begleitung brauchen und wie diese präventiv wirken kann
Winn A
Become Mom – Praxis für Begleitung rund um Mutterschaft, Kleinmachnow
Einleitung Das Wochenbett stellt eine Phase erhöhter psychosozialer und körperlicher Vulnerabilität dar. Frauen erleben in dieser Zeit tiefgreifende Veränderungen, die emotionale, körperliche, soziale und identitätsbezogene Ebenen betreffen und deren Auswirkungen häufig über das unmittelbare Wochenbett hinausreichen. In der Versorgung werden diese Übergangsprozesse jedoch oft unterschätzt oder primär symptomorientiert betrachtet.
Methode Der Beitrag basiert auf Beobachtungen aus der Versorgungspraxis einer Physiotherapeutin und Doula in eigener Praxis. Aus einer psychosomatischen Haltung heraus werden wiederkehrende Muster in der Begleitung von Frauen im Wochenbett und darüber hinaus reflektiert und im Kontext von Mutterschaft als Entwicklungsprozess eingeordnet, wie er u.a. im Begriff der Matreszenz beschrieben wird.
Ergebnisse Es zeigt sich, dass körperliche Empfindungen, emotionale Schwankungen und veränderte Selbstwahrnehmung im Übergang zur Mutterschaft eng miteinander verwoben sind. Entlastendes, einordnendes Wissen über normative Veränderungen – einschließlich neurobiologisch mitbedingter Anpassungsprozesse – kann regulierend wirken, Selbstabwertung reduzieren und einer vorschnellen Pathologisierung entgegenwirken. Begleitende Angebote fördern Orientierung, Selbstwirksamkeit sowie die Integration körperlicher und emotionaler Erfahrungen.
Schlussfolgerung Das Wochenbett und die frühe Mutterschaft sollten als psychosomatisch sensible Übergangsphasen verstanden werden. Präventiv ausgerichtete Begleitung kann einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung leisten, indem sie Wissen, Beziehung und Körperwahrnehmung verbindet und Übergänge auch über das unmittelbare Wochenbett hinaus einordnet. Der Beitrag plädiert für eine stärkere Berücksichtigung psychosomatischer Übergangsdynamiken in der interdisziplinären Versorgung von Frauen nach der Geburt.
Geburtspläne im Wandel – ein körperorientierter, traumasensibler Ansatz zur Stärkung von Handlung und Beziehung
Laubmann Z
Praxis, Erlangen
Im Diskurs um sichere Geburt wird Selbstbestimmung häufig auf informierte Zustimmung und partizipative Entscheidungsfindung reduziert. Diese Aspekte sind wichtig, greifen jedoch aus psychosomatischer Perspektive zu kurz. Studien zeigen, dass das Geburtserleben wesentlich davon abhängt, ob Frauen sich während der Geburt sicher, gehört und handlungsfähig fühlen. Besonders Menschen mit belastenden medizinischen Vorerfahrungen erleben geburtshilfliche Situationen häufig vor dem Hintergrund früherer Erfahrungen von Kontrollverlust oder Ohnmacht. Geburt ist ein komplexes Zusammenspiel von Körper und Psyche. Entscheidend ist dabei, ob Frauen Zugang zu ihren inneren Ressourcen und Bewältigungsstrategien behalten und sich vertrauensvoll begleitet fühlen.
Geburtspläne werden häufig genutzt, um Wünsche und Vorstellungen festzuhalten. Zwar fördern klassische Geburtspläne die Selbstreflexion, sie verbessern jedoch weder Kommunikation noch Beziehungsqualität automatisch. Mitunter entstehen Missverständnisse oder Druck auf Seiten der Fachpersonen. Starre Wunschlisten werden der Dynamik des Geburtsprozesses nicht gerecht und berücksichtigen die individuellen Bedürfnisse nur unzureichend.
Aus meiner praktischen Arbeit mit Klient*innen ist ein Leitfaden entstanden, der Geburtspläne neu versteht: nicht als statisches Dokument, sondern als dialogisches, beziehungsorientiertes Instrument. Im Mittelpunkt stehen Ressourcen, Bewältigungsstrategien für mögliche Trigger sowie Bedürfnisse im zwischenmenschlichen Kontakt. Ziel ist es, eine Haltung von Wertschätzung und Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu fördern.
Der Beitrag stellt den Leitfaden praxisnah vor und diskutiert, wie Geburtspläne im Wandel psychosomatischer Perspektiven zu einem Instrument werden können, das Frauen in ihrer körperlichen und seelischen Integrität stärkt und Kommunikation und Vertrauen zwischen allen Beteiligten fördert.
Systematisches Screening auf Belastungsfaktoren in Frauen- und Kinderarztpraxen: Eine Machbarkeitsstudie am Beispiel des Projekts Familienlotse Mitte
Gerhold L 1, Klapp Ch 1, Hostert E 2, Stadler G 2, Henrich W 1
1 Geburtsmedizin, Charité Universitätsmedizin Berlin
2 Gender in Medicine, Charité Universitätsmedizin Berlin
Einleitung: Psychosoziale Belastungsfaktoren rund um die Geburt können zu Überforderung führen und sich negativ auf die kindliche Entwicklung auswirken. Die Frühen Hilfen sind Hilfsangebote, die Familien niederschwellig und auf freiwilliger Basis unterstützen. Lotsendienste in Geburtskliniken haben sich als wichtige Schnittstelle zwischen Gesundheitssystem und Frühen Hilfen etabliert, um die Familien den richtigen Hilfsangeboten zuzuführen. Belastungsfaktoren können jedoch bereits in der Schwangerschaft oder zu einem späteren Zeitpunkt auftreten. Obwohl Frauen- und Kinderarztpraxen ein ideales Setting bieten, um belastete Familien zu identifizieren und Hilfe zu vermitteln, kommen wenige Familien über die Praxen in den Hilfesystemen der Frühen Hilfen an. Diese Versorgungslücke möchte das Projekt „Familienlotse Mitte“ schließen. Über ein Screeningverfahren zu verschiedenen Zeitpunkten sollen Familien systematisch auf psychosoziale Belastungsfaktoren befragt und bei Bedarf über einen Lotsendienst in die Hilfesysteme vermittelt werden.
Methodik: Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und Grenzen eines systematischen Screenings auf psychosoziale Belastungsfaktoren in Frauen- und Kinderarztpraxen und der Weiterleitung an eine Familienlotsin. Praxismitarbeiter*innen in den teilnehmenden Praxen wurden zu ihren Erfahrungen mit dem Projekt befragt.
Ergebnisse: Die Praxen sehen einen großen Bedarf, psychosozial belastete Familien in Hilfesysteme weiterzuleiten. Dem systematischen Screening stehen Zeit-, Raum- und Personalmangel, fehlende Kenntnisse, Hemmungen im Ansprechen von sensiblen Themen, sowie organisatorische Hürden entgegen. Die Möglichkeit der Weiterleitung an eine Familienlotsin war für alle Befragten eine Erleichterung.
Schlussfolgerung: Leicht durchführbare Screeninginstrumente, Fortbildung für Fachpersonal, interdisziplinäre Netzwerke und die strukturelle Unterstützung sind nötig, um Screening und Weiterleitung zu implementieren.
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Freie Vorträge 2
Psychosomatische Frauenheilkunde: chronische Beschwerden, Sexualität und Menopause
Psychosoziale Belastung und psychotherapeutischer Bedarfe von Menschen mit Endometriose: Ergebnisse einer Online-Befragung (Endo-PINE Studie)
Jördis Zill, Hamburg
Osteopathische Behandlung bei Adenomyose-bedingten chronischen Schmerzen: Die Rolle der erlebbaren Zwischenleiblichkeit
Olina Welge, Köln
Vulvodynie – Die Unbekannte: Deskriptive Daten eines Patientinnenkollektivs
Andrea Hocke, Bonn
Künstlerisches Gestalten im Rhythmus des Zyklus: Kunsttherapie bei PMS | Artistic expression in the rhythm of the cycle: art therapy and PMS
Jennifer Hauer, Karlsruhe
Vorstellung des neuen gynäkopsychiatrischen Netzwerks an der Charité
Ita Sterner, Berlin
Queer-sensible Kommunikation im Gesundheitswesen: Ein narratives Review mit Handlungsempfehlungen für den Kontext der Physiotherapie
Mian Rühl, Berlin
Erfahrungen von trans* maskulinen und nicht-binären Personen in gynäkologischen Praxen in Deutschland
Evelyn Schott, Köln
Von einem Tabu zum Trend: Diagnosen, Krankschreibungen und Versorgung in der Menopause
Ulrike Illmann, Wuppertal
Menopause – Transition or turning point?
Hannah Kocevar, Wien
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Psychosoziale Belastung und psychotherapeutischer Bedarfe von Menschen mit Endometriose: Ergebnisse einer Online-Befragung (Endo-PINE Studie)
Zill J 1, Beysiegel K 2, Mensenkamp V 3, Heß S 4, Scholl I 1
1 Institut für Medizinische Psychologie, Universitätsklinikum Hamburg – Eppendorf, Hamburg
2 Klinische Psychologie und Psychotherapie, Medical School Hamburg, Hamburg
3 Endometriose Vereinigung Deutschland, Leipzig
4 Klinik und Poliklinik für Gynäkologie, Universitätsklinikum Hamburg, Hamburg
Hintergrund: Endometriose ist oft mit starken chronischen Schmerzen, sexuellen Funktionsstörungen und Unfruchtbarkeit assoziiert und geht mit psychischen Komorbiditäten wie Depressionen und Ängsten einher, die die gesundheitsbezogene Lebensqualität zusätzlich beeinträchtigen. Erste Studien weisen positive Effekte psychotherapeutischer Interventionen auf, jedoch fehlen bislang systematische Daten zu psychosozialen Belastungen, psychotherapeutischen Bedarfen und versorgungsrelevanten Angeboten.
Methode: Eine querschnittliche, explorative Online-Befragung erfolgte mittels eines anonymen Online-Fragebogens bei Menschen ab 18 Jahren mit Endometriose und/oder Adenomyose. Teilnehmende wurden über Social-Media der Endometriose-Vereinigung sowie Selbsthilfegruppen gewonnen. Der Fragebogen wurde unter Einbezug eines Panels mit Betroffenen und Versorgenden entwickelt. Er umfasste Angaben zur Soziodemografie, zur Diagnose und weiteren Erkrankungen, ein Belastungsscreening, die Erfassung von Depressivität (PHQ-9) und Ängstlichkeit (GAD-7) sowie Fragen zu psychosozialen Belastungen, psychotherapeutischen Bedarfen und der Inanspruchnahme.
Ergebnisse: N = 728 Menschen (M=33,38 Jahre; SD=7,4) nahmen teil. 43,8% (n=319) berichteten von einer diagnostizierten Depression und 27,8% (n=203) von einer Angststörung. Die subjektive Belastung durch Endometriose war hoch (M=7,13; SD=2,06; Skala 0–10). Mittelgradige bis schwere Depressionswerte (PHQ-9) zeigten sich bei 34,6 % der Teilnehmenden (n = 225). Als größte Belastungsbereiche sowie zentrale Gründe für den Bedarf an psychotherapeutischer Unterstützung wurden der Umgang mit Schmerzen und weiteren körperlichen Symptomen, erhöhtes Stressempfinden, sowie Schwierigkeiten in der medizinischen Versorgung genannt.
Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse können für eine bedarfsgerechte Entwicklung von psychotherapeutischen Angeboten im Rahmen von multimodalen Behandlungsansätzen für Endometriose Betroffene genutzt werden.
Osteopathische Behandlung bei Adenomyose-bedingten chronischen Schmerzen: Die Rolle der erlebbaren Zwischenleiblichkeit
Welge O
Fachbereich Gesundheit und Soziales, Hochschule Fresenius Köln, Köln
Einleitung Adenomyose-bedingte chronische Schmerzen zählen zu den komplexesten Syndromen in der Gynäkologie, häufig verbunden mit langer Leidenszeit, psychosozialen Belastungen und wiederholter Bagatellisierung im medizinischen System (Becker & Diers, 2016). Die Studie untersucht, wie osteopathische Behandlung im bio-psycho-sozialen und gendersensiblen Ansatz spezifische therapeutische Räume für Patient:innen schafft, die körperlichen, emotionalen und sozialen Dimensionen integriert.
Methode Qualitative Studie mit interpretativer phänomenologischer Analyse (IPA), trianguliert durch Patient Reported Outcome Measures (PROM) und Osteopathic Clinician-Reported Outcome Measures (OCROM), um subjektive Erfahrungen und Veränderungen evidenzbasiert zu erfassen (Smith et al., 2009). Problemzentrierte Leitfadeninterviews mit drei Patient:innen (diagnostizierte Adenomyose, chronische Schmerzen, ≥2 osteopathische Behandlungen) und drei behandelnden Osteopath:innen wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz ausgewertet (Kuckartz, 2024).
Ergebnisse Patient:innen berichten von einer Normalisierung chronischer Schmerzen, die erst durch osteopathische Interventionen als veränderbar wahrgenommen wird, mit neuen Zugängen zu Körperempfinden und Selbstwirksamkeit (Liang & Brown, 2021). Zentral erweist sich die erlebbarer Zwischenleiblichkeit, geprägt durch Berührung, therapeutische Präsenz und nonverbale Resonanz, als Wirkfaktor für Schmerzlinderung, emotionale Entlastung und Reduktion sozialer Isolation (Fuchs, 2023).
Schlussfolgerung Osteopathie entfaltet bei Adenomyose ihre Wirkung als personen- und gendersensibles, beziehungsorientiertes Verfahren über rein manuelle Interventionen hinaus (Wikus & Wimpissinger, 2023). Zukünftige Studien sollten IPA mit physiologischen Parametern wie Herzratenvariabilität kombinieren, um die zwischenleibliche Resonanz als zentralen Wirkfaktor bei chronischen Schmerzen zu validieren.
Betreuer: Prof. Dr. Elmar Peuker
Vulvodynie – Die Unbekannte Deskriptive Daten eines Patientinnenkollektivs
Hocke A
Sektion Gynäkologische Psychosomatik, Zentrum für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Universitätsklinikum Bonn
Einleitung: Vulvodynie – chronische Missempfindungen im Bereich der Vulva – ist ein bisher unzureichend erforschtes Krankheitsbild, welches ausgeprägtes Leiden bei Betroffenen hervorruft. Im Rahmen eines bio-psycho-sozialen Krankheitsmodells werden auch psychosomatische Faktoren der Mitverursachung diskutiert. Auf der Basis von Patientinnendaten soll folgenden Fragen nachgegangen werden: Wie lassen sich die Vulvodyniepatientinnen anhand ihrer Schmerzwahrnehmung (Art, Bereich, Dauer Intensität), komorbiden psychischen Erkrankungen und anderen funktionellen Beschwerden (z.B. Verstopfungen, Muskelschmerzen etc.) beschreiben? Sind Zusammenhänge zwischen Spezifika der Vulvodynie mit psychischen Vorerkrankungen und funktionellen Beschwerden identifizierbar?
Methoden: Bei bisher 172 Patientinnen im Alter von 18 bis 77 Jahren wurden mittels eines selbstentwickelten Anamnesefragebogens Daten erhoben und bezüglich der Schmerzwahrnehmung, vorbestehender psychischer Erkrankungen und anderer psychosomatisch assoziierter Erkrankungen deskriptiv ausgewertet.
Ergebnisse: Patientinnen mit Angststörungen und PTBS tendieren dazu, höhere Höchstwerte auf der Schmerzskala zu berichten. Patientinnen mit Depressionen und somatoformen Störungen berichten überzufällig häufig höhere aktuelle Schmerzwerte. Personen mit F-Diagnosen allgemein geben überzufällig häufig eine längere Dauer der vaginalen Missempfindungen über die Lebensspanne an. Personen mit sonstigen funktionellen Beschwerden tendieren überzufällig häufig dazu, eine längere Dauer der vaginalen Missempfindungen zu berichten.
Zusammenfassung: Die gefundenen Zusammenhänge unterstützen die psychosomatische Mitbeeinflussung der Beschwerden im Kontext der Vulvodynie. Hypothesen zur Art dieses Zusammenhangs können diskutiert und durch weitere Forschung untersucht werden.
Künstlerisches Gestalten im Rhythmus des Zyklus: Kunsttherapie bei PMS
Hauer J
Alanus Hochschule: Fachbereich Künstlerische Therapien und Therapiewissenschaft, Karlsruhe
Einleitung Das Prämenstruelle Syndrom (PMS) wird als biopsychosoziales Phänomen verstanden, das trotz hoher Prävalenz gesellschaftlich häufig bagatellisiert wird. Die Studie aus der Kunsttherapie untersucht, inwieweit malerischer Ausdruck die Selbstwahrnehmung und das subjektive Erleben von PMS beeinflusst.
Methode Die Untersuchung wurde als qualitative Einzelfallstudie mit zwei Probandinnen durchgeführt. Über einen Zeitraum von zehn Wochen wurden Fragebögen, Zyklustagebücher, teilnehmende Beobachtungen sowie künstlerische Arbeiten erhoben, trianguliert und systematisch ausgewertet.
Ergebnisse Die Befunde zeigen unterschiedliche Ergebnisse in Art und Intensität der Symptomlinderung, weisen aber beide auf Wirksamkeit hin.
Schlussfolgerung Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass kunsttherapeutische Interventionen das Potenzial haben, zyklusbezogene Erfahrungen positiv zu beeinflussen, jedoch situativ und personenbezogen wirken. Die Studie bietet Ansatzpunkte für interdisziplinäre Perspektiven in der psychosomatischen Frauenheilkunde.
Vorstellung des neuen gynäkopsychiatrischen Netzwerks an der Charité
Sterner I 1, Balint N 1, Friedel E 2
1 Klinik für Gynäkologie, Charité Universitätsmedizin Berlin
2 Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité Universitätsmedizin Berlin
Einleitung: In der Gynäkologie fallen einerseits immer wieder Patientinnen auf, die Anzeichen einer unbehandelten psychiatrischen Komorbidität zeigen, und umgekehrt sehen wir Patientinnen in der Psychiatrie, die unzureichend gynäkologisch versorgt sind. Aus dieser Beobachtung heraus haben wir ein campusübergreifendes Versorgungsnetzwerk zwischen den in der Charité bereits vorhandenen Anlaufstellen aufgebaut, das sich an Patientinnen mit gynäkologischem und psychologisch/psychiatrischem Behandlungsbedarf richtet.
Methode: Innerhalb dieses Netzwerks wollen wir eine umfassendere und traumasensible Versorgung ermöglichen. Patientinnen können so bei identifiziertem weiterem Versorgungsbedarf niederschwellig an die jeweiligen Netzwerkpartnereinrichtungen weitergeleitet werden. Zur praktischen Umsetzung wurde hierfür eine Kontaktaufnahme-Adresse eingerichtet. Das Angebot soll u.a. folgende Themen abdecken: Patientinnen nach Traumaerfahrungen, gynäkologische Vorsorge und sexuelle Gesundheit bei gleichzeitig vorliegender psychiatrischer Erkrankung, Kinderwunsch bei psychiatrischer Erkrankung, peripartale und postpartale psychische Störungen, psychiatrische Erkrankungen bei gleichzeitiger Endometriose sowie Schmerzsyndrome wie chronische Unterbauchschmerzen oder Vulvodynie. Für Frauen mit menopausalen Beschwerden und einer psychiatrischen Erkrankung besteht ebenfalls die Möglichkeit, in die Sprechstunde zu kommen.
Ergebnisse: Im Rahmen eines Fellowship-Programms erhalten die beteiligten Fachrichtungen Fortbildungen und hospitieren in den jeweils anderen Bereichen. Die Sprechstunden sollen zudem aus Sicht von Behandler*innen und Patientinnen evaluiert werden.
Schlussfolgerung: Wir erhoffen uns von diesem Netzwerk eine verbesserte Kontinuität der gynäkopsychiatrischen Versorgung unserer Patientinnen und hierdurch auch eine vermehrte Einbindung in ambulante Weiterbehandlung und Beratungsangebote.
Queer-sensible Kommunikation im Gesundheitswesen: Ein narratives Review mit Handlungsempfehlungen für den Kontext der Physiotherapie
Rühl M 1,2
1 Alice-Salomon-Hochschule (Alumni), Berlin
2 M. Rühl Physiotherapie, Berlin
Einleitung Ein Großteil der Personen, die sich lesbisch*, schwul*, bisexuell* und trans*, inter* queer* identifizieren (LSBTIQ*), erleben sowohl gesamtgesellschaftlich als auch im Gesundheitswesen diskriminierende, unangemessene, ausschließende oder voreingenommene Verhaltensweisen [1,2]. Diese widersprechen den internationalen Menschenrechten und dem Recht auf Gesundheit, welches allen Menschen eine diskriminierungsfreie sowohl präventive als auch kurative Gesundheitsversorgung bieten sollte [3]. Die Arbeit untersucht Kommunikationskonzepte und Beratungsansätze in der Physiotherapie und im Gesundheitswesen mit Blick auf Diversität von Geschlechtern und Sexualitäten.
Material und Methodik Es handelt sich um ein narratives Review, welches auf einer strukturierten sowie explorativen Literaturrecherche basiert, die im Zeitraum von November 2023 bis April 2024 durchgeführt wurde. Die Kernbegriffe Queer, Kommunikation und Physiotherapie wurden in einer Suchmatrix kombiniert. Eingeschlossen wurde deutsche und englischsprachige Literatur von 2018 bis April 2024. Die SANRA Scale für narrative Reviews diente als Orientierung für die qualitative Einordnung von Journalartikeln im narrativen Stil [4].
Ergebnisse Innerhalb der physiotherapeutischen Kommunikationsliteratur konnten keine spezifischen Konzepte für eine queer-sensible Kommunikation identifiziert werden. Die allgemeinere Recherche zu Kommunikation im Gesundheitswesen ergab jedoch Handlungsempfehlungen für queer-sensible Kommunikation. Diese wurden in der Arbeit synthetisiert und mit physiotherapeutischen Kommunikationsstrategien verknüpft.
Schlussfolgerung Angesichts der identifizierten Forschungslücke wurden erste Handlungsempfehlungen für eine queer-sensible Kommunikation in der Physiotherapie herausgearbeitet. Diese sollten in der Praxis angewendet und erprobt werden.
Erfahrungen von trans* maskulinen und nicht-binären Personen in gynäkologischen Praxen in Deutschland
Schott E, Frommann L, Katzenbach A, Matthaei J
Master Gender&Queer Studies, Universität zu Köln
Einleitung: Trans* männliche und nicht-binäre Personen erfahren im Gesundheitssystem strukturelle und interpersonelle Barrieren, die ihre Gesundheitsversorgung beeinträchtigen. Ein besonderer Ort dabei ist die gynäkologische Praxis. Ziel dieser Studie war es, die Erfahrungen von trans* männlichen, genderqueeren und nicht-binären Personen in gynäkologischen Praxen in Deutschland zu sammeln und bestehende Versorgungslücken und Änderungspotentiale zu identifizieren.
Methodik: Es wurden zehn leitfadengestützte Interviews mit trans* männlichen, genderqueeren und nicht-binären Personen durchgeführt. Die Interviews wurden mit Videocall durchgeführt und die Tonspur mitgeschnitte, transkribiert und mittels MAXQDA mit der inhaltlich-strukturierenden Inhaltsanalyse von Udo Kuckartz codiert und inhaltlich analysiert.
Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmenden von der Terminvereinbarung über den gesamten Besuch in einer gynäkologischen Praxis vielen Hürden ausgesetzt waren. In den Praxen spiegelten sich cis-normative Vorstellungen wider – sei es in der Sprache, der Raumgestaltung oder im Verhalten des Personals. Während einige Ärzt*innen sich durch Sensibilität und Fachwissen auszeichneten, wurde in vielen Fällen ein Mangel an Wissen über die Gesundheitsversorgung trans* männlicher und nicht-binärer Personen deutlich. Dies führte dazu, dass Patient*innen eigenständig Informationen beschaffen mussten oder unangemessenen Fragen und medizinischer Fehlversorgung ausgesetzt waren.
Schlussfolgerung: Die Studie zeigte, dass trans* männliche, genderqueere und nicht-binäre Personen in gynäkologischen Praxen individuellen und strukturellen Diskriminierungen ausgesetzt sind. Die Ergebnisse zeigen die Notwendigkeit struktureller Veränderungen aber auch individuelle Handlungsräume für eine diskriminierungssensiblere Gesundheitsversorgung. Weitere Forschung sowie gezielte Schulungen für medizinisches Personal sind notwendig.
Von einem Tabu zum Trend: Diagnosen, Krankschreibungen und Versorgung in der Menopause
Illmann U , Hertle D
bifg – BARMER Institut für Gesundheitssystemforschung, Wuppertal
Einleitung: Die Wechseljahre rücken zunehmend in den öffentlichen und wissenschaftlichen Fokus. Die hormonelle Übergangsphase ist mit vielfältigen körperlichen und psychischen Veränderungen verbunden, wobei auch unspezifische Beschwerden oft pauschal den Wechseljahren zugeordnet werden. Befragungsstudien postulieren, dass diese Symptome den Alltag und das Berufsleben vieler Frauen beeinträchtigen. Befragungsdaten weisen aber einen Selektionsbias auf. Analysiert werden deshalb die Häufigkeit von Diagnosen, die Entwicklung der Arbeitsunfähigkeit (AU) und der Umfang verordneter Hormontherapien (HT) auf Basis von Abrechnungsdaten einer Krankenkasse, um die Beschwerden und deren Bedeutung aus einer weiteren Perspektive zu betrachten.
Methode: In einer retrospektiven Kohorte von BARMER-Versicherten (2010–2024) operationalisieren wir die Symptome der Menopause Rating Scale II (MRS II) und prüfen deren Altersverteilung. Die Diagnose N95 (Hitzewallungen) dient als Indexvariable, weitere MRS-II-Symptome als Outcomes. Frauen mit/ohne N95 werden hinsichtlich Diagnosehäufigkeit, AU-Daten und HT-Verordnungen verglichen. Eine Assoziationsanalyse identifiziert überzufällige Zusammenhänge zwischen HT und spezifischen Diagnosen.
Ergebnisse: Psychische, schlafbezogene und urogenitale Beschwerden nehmen bei Männern und Frauen mit dem Alter zu. Eine klare phasenspezifische Zuordnung zur Menopause gelingt nur für Hitzewallungen und Scheidentrockenheit. AU-Daten zeigen eine steigende Belastung durch Schlafstörungen (~74 AU Tage/100 Frauen) und psychische Beschwerden (~25 AU Tage), jedoch unabhängig von Hitzewallungen. Die HT erfolgt weitgehend symptomorientiert bei Hitzewallungen und Scheidentrockenheit.
Fazit: Beschwerden gemäß MRS II und ihre Relevanz sind in Routinedaten sichtbar, jedoch deutlich weniger ausgeprägt als in Befragungsstudien. Insbesondere wechseljahrsbedingte Arbeitsausfälle sind selten. Abrechnungsdaten können eine ergänzende Sicht auf die Symptomlast darstellen.
Menopause – Transition or turning point?
Kocevar H, Leithner-Dziubas K
Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie, AKH Wien, Medizinische Universität Wien, Wien
Introduction Menopause is both a physiological event and a subjective experience. This study examines how psychosocial factors and individual fertility and reproductive histories shape women’s lived experience of menopause. The central question is whether menopause is experienced as a developmental transition or as a psychic rupture.
Methods The study includes 45 women aged 35 to 70 in the premenopausal, perimenopausal, and postmenopausal phases. Semistructured in depth interviews lasting 30 to 60 minutes explore expectations, experiences, coping strategies, and attitudes toward fertility history and menopause. Menopausal symptoms are assessed with the Menopause Rating Scale, and sociodemographic and reproductive data are collected. Data analysis follows a two step design. Qualitative content analysis according to Mayring identifies manifest themes and patterns. Depth hermeneutic interpretation based on Lorenzer and operationalized by Löchel explores latent meanings, emotional responses, narrative tensions, and unconscious relational dynamics.
Results Preliminary findings from 20 interviews show diverse experiential patterns. Women report weight gain, hot flushes, fatigue, headaches, irritability, social withdrawal, and changes in sexuality. Prior knowledge is often described as general and vague, many women received little or no information from their mothers. Some experience menopause as a gradual transition, others describe it as sudden and disruptive. Women who remained voluntarily or involuntarily childless report a renewed confrontation with childlessness. Hormone replacement therapy and other treatments are experienced as helpful. Many women reflect on death and desire, and describe a process of reappropriating their bodies.
Conclusion Menopause emerges as a conflictual yet potentially transformative phase. Intrapsychic constellations and reproductive history significantly shape subjective experience.
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Freie Vorträge 3
Reproduktive Verluste, Versorgungspfade, Prävention und interprofessionelle Modelle
Nicht-invasiver Pränataltest (NIPT) auf Trisomie 13, 18 und 21: Erste Zahlen zur Inanspruchnahme und zu Folgemaßnahmen auf der Basis von Routinedaten
Dagmar Hertle, Wuppertal
Psychische Diagnosen nach Fehlgeburten – Eine populationsbasierte Analyse von Versichertendaten in Deutschland
Kathrin Haßdenteufel, Heidelberg
Stärkung informierter Entscheidungsfindung bei frühem Schwangerschaftsverlust: Ko-kreative Vorentwicklung des Serious Game for Health CALMDECIDE
Julia Ruth Steinmann, Mainz
Unterstützung bei einer medikamentösen Schwangerschaftsbeendigung (Schwangerschaftsabbrüche und “Missed Abortion”) durch die App “Alli”
Jana Maeffert, Berlin
Analyse der (Begleit)-Medika#on von ambulant durchgeführten, medikamentösen Schwangerschaftsabbrüchen – Ergebnisse einer bundesweiten Online-Umfrage unter Ärztinnen und Ärzten
Lea Rikl, Witten
Strukturierter präpartaler Zugang zu Frauen mit psychosozialen Belastungen im Jenaer Familienlotsenprojekt
Marie Zillessen, Jena
Sozialkonsil im Perinatalzentrum: Praxismodell eines strukturierten Abstimmungsprozesses bei zunehmender psychosozialer Fallkomplexität
Liane Menke, Jena
Förderung interprofessioneller (IP) Kompetenzen durch die IP Ausbildungsstation auf der Wöchnerinnen-Station in Bonn
Franziska Roller, Bonn
Implementierung psychosomatischer Lerneinheiten (LE) auf der Interprofessionellen (IP) Ausbildungssta#on auf der Wöchnerinnen-Sta#on in Bonn
Julia Satow, Bonn
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Nicht-invasiver Pränataltest (NIPT) auf Trisomie 13, 18 und 21: Erste Zahlen zur Inanspruchnahme und zu Folgemaßnahmen auf der Basis von Routinedaten
Hertle D, Wende D
Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung, Wuppertal
Einleitung Seit dem 1.7.2022 ist der NIPT auf die fetalen Trisomien 13, 18 und 21 erstattungsfähig durch die GKV. Zur Inanspruchnahme und zu Folgemaßnahmen liegen bisher kaum zuverlässige Daten vor. Ziel des G-BA war die Reduktion invasiver Diagnostik; gleichzeitig sollte der NIPT nicht zum Screeningtest werden. Wie also stellt sich die Inanspruchnahme des NIPT seit dem 1.7.2022 dar und wie hat sich die Anzahl invasiver diagnostischer Maßnahmen im Vergleich zu vorher entwickelt?
Methode Retrospektive Kohortenstudie mit Routinedaten der BARMER (Schwangere 2014 bis 1. Quartal 2025). Ermittlung der absoluten und relativen Häufigkeiten von NIPT, Beratungen zu NIPT, der Folgeuntersuchungen Amniozentese und Chorionzottenbiopsie und der Geburten, Fehlgeburten und Abbrüche. Die Kohorte wurde nach Alter und Zeitpunkt der Leistungen stratifiziert. Der Zusammenhang zwischen Einführung des NIPT als Kassenleistung und Inanspruchnahme von Folgeuntersuchungen wurde mittels Interrupted Time Series-Analyse (ITS) untersucht.
Ergebnisse Die Inanspruchnahme des NIPT stieg nach Kostenübernahme schnell und betrug in Q1/2025 durchschnittlich 50%. Jede dritte Schwangere unter 26 Jahren nahm den Test in Anspruch, bei den über 40-jährigen waren es 80%. Pro Schwangerschaft wurden im Durchschnitt 2,7 Beratungen abgerechnet. Die langjährige Abnahme invasiver Pränataldiagnostik wurde bei Einführung der Kostenübernahme von NIPT durchbrochen. Es kam zu 1,13 mehr invasiven Untersuchungen pro 1.000 Schwangerschaften. Mit durchschnittlich 8 Beratungen zu einem positiven NIPT pro 1000 Schwangeren traten mehr positive Ergebnisse auf, als statistisch zu erwarten gewesen wäre.
Fazit Die Ziele des G-BA wurden nicht erreicht. Die Daten lassen vermuten, dass besonders bei jungen Frauen mit niedriger Pretestwahrscheinlichkeit für ein Kind mit Trisomie deutlich mehr falsch-positive Testergebnisse auftreten als bisher angenommen. Eine gute Beratung zu Nutzen und Risiken des NIPT im Vorfeld ist essenziell.
Psychische Diagnosen nach Fehlgeburten – Eine populationsbasierte Analyse von Versichertendaten in Deutschland
Haßdenteufel K 1, Gruber D 2, Moser K 3, Bauch F 3, Wallwiener S 4
1 Abteilung für gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsstörungen, Universitätsfrauenklinik Heidelberg, Heidelberg
2 Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe, Universitätsklinikum Halle, Halle (Saale)
3 Institut für Allgemeinmedizin, Medizinische Fakultät, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle (Saale)
4 Universitätsklinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin, Universitätsklinikum Halle, Halle (Saale)
Einleitung: Frühe und insbesondere wiederholte Fehlgeburten können mit einer erheblichen psychischen Belastung einhergehen. Obwohl es internationale Studien zu den psychischen Auswirkungen gibt, die auf erhöhte Risiken für Depressionen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen nach Fehlgeburten hinweisen, fehlen in Deutschland umfassende populationsbasierte Daten zu den langfristigen psychischen Folgen.
Methode: In dieser retrospektiven, populationsbasierten Kohortenstudie wurden Versicherungsdaten in Deutschland zwischen 2014 und 2022 analysiert. Insgesamt wurden 247.651 Frauen mit mindestens einer dokumentierten Schwangerschaft einbezogen, davon 43.308 Frauen (17,5%), die mindestens eine frühe Fehlgeburt erlebten, und 12.885 Frauen (5,2%) mit zwei oder mehr frühen Fehlgeburten (habituelle Abortneigung). Die Inzidenz von depressiven Störungen, Angststörungen und posttraumatischer Belastungsstörung wurde in den ersten 12 Monaten nach dem ersten Verlust (index) sowie bei vorliegender habitueller Abortneigung untersucht.
Ergebnisse: Die kumulierte Prävalenz depressiver Störungen stieg von 15,9% nach 3 Monaten auf 22,8% nach 12 Monaten nach der ersten Fehlgeburt. Die Prävalenz von Angststörungen stieg von 8,0% auf 14,1% im selben Zeitraum. Frauen mit habitueller Abortneigung zeigten eine höhere psychische Belastung als Frauen nach der ersten Fehlgeburt: Nach der zweiten Fehlgeburt betrugen die kumulierten 12-Monats-Prävalenzen 23,4% für Depressionen und 15,6% für Angststörungen.
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Fehlgeburten ein bedeutender und häufig unbeachteter Risikofaktor für psychische Erkrankungen sind. Die Einführung systematischer Screenings und psychosozialer Unterstützung sollte ein fester Bestandteil der Versorgung werden. Zudem sollten Fehlgeburten aus public-health-Perspektive nicht nur als reproduktives Ereignis, sondern auch als ein entscheidender Faktor für die langfristige psychische Gesundheit betrachtet werden.
Stärkung informierter Entscheidungsfindung bei frühem Schwangerschaftsverlust: Ko-kreative Vorentwicklung des Serious Game for Health CALMDECIDE
Steinmann JR¹, Hasenburg A², von Sommoggy J³, Grün S4, Neidhardt J5, Fischer F6, Fillenberg B¹
¹ Hebammenwissenschaft, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
² Klinik für Geburtshilfe und Frauengesundheit, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
³ Institut für Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
4 Ostbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden
5 Universität Regensburg
6 GameDev Regensburg e. V., Regensburg
Einleitung Ein früher Schwangerschaftsverlust betrifft bis zu 20 % aller bestätigten Schwangerschaften und ist mit vielfältigen Belastungen für Frauen und Familien verbunden. In der ambulanten Versorgung fehlt oft die Zeit, evidenzbasiert zu beraten. Das Fenster zwischen Diagnose und Intervention (i.d.R. medikamentös oder operativ) ist meist kurz und Hebammenbetreuung bleibt aus. Eine Brückenfunktion könnten digitale Entscheidungshilfen zum Thema bieten.
Methode Im Mai 2025 initiierte ein Team aus Hebammenwissenschaft, Game-Design, Kulturwissenschaften und Sozialer Arbeit das CALMDECIDE Projekt im Rahmen eines Health-Care-Hackathons. Die ko-kreative Vorentwicklung eines digitalen Tools wurde in 14 virtuellen Treffen fortgesetzt. Kooperationsstruktur und Partizipationsgrad wurden festgelegt. Im Dezember 2025 wurde eine Erfahrungsexpertin eingebunden. Zudem wurde eine Literaturrecherche, die Analyse bestehender Games for Health, eine qualitative Inhaltsanalyse eines Beratungsgesprächs sowie sechs Playtests zweier Low-Fidelity-Prototypen durchgeführt.
Ergebnisse Aus der Literaturrecherche wurde deutlich, dass digitale Tools zur Unterstützung der Entscheidungsfindung nach der Diagnosestellung nützlich sein können. Die Game-Analyse lieferte Referenzpunkte zu narrativen Strukturen und Interaktionstiefe. Die Inhaltsanalyse verdeutlichte, dass u.a. folgende Aspekte relevant sind: emotionale Validierung, Vertrauen in Körperprozesse, Sicherheit bei gleichzeitiger Entschleunigung der Entscheidung. Die Playtests lieferten Feedback zu Visualisierung und Interaktion: Bevorzugt wurden eine ruhige Ästhetik, schrittweise Informationsvermittlung sowie wählbare Zugänge (faktenbasierte Information vs. narrative Begleitung).
Schlussfolgerung Die Vorarbeiten dienen der Entwicklung eines evidenzbasierten Entscheidungshilfe-Tools. Die Weiterentwicklung von CALMDECIDE sowie eine methodisch kontrollierte Evaluation der Anwendung folgen im Rahmen eines Promotionsvorhabens.
Unterstützung bei einer medikamentösen Schwangerschaftsbeendigung (Schwangerschaftsabbrüche und “Missed Abortion”) durch die App “Alli”
Maeffert J 1, Kreitlow A 1, Kühn L 2
1 Gyn-Praxis Nova, Berlin
2 Geburtsmedizin, Vivantes Klinikum Neukölln, Berlin
Im Beitrag werden die App „Alli“ sowie die multizentrische Studie EvaSAB vorgestellt.
Die App “Alli” begleitet Personen mit einer ungewollten oder gestörten Frühgravidität durch die medikamentöse Schwangerschaftsbeendigung und soll dazu beitragen, dass dieser Prozess als psychisch möglichst wenig belastend empfunden wird.
Die Inhalte orientieren sich an internationalen Leitlinien sowie den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation und beruhen auf den Erfahrungen mit Patient:innen und ihren Rückmeldungen.
Die Induktion der Blutung bei einer medikamentösen Schwangerschaftsbeendigung erfolgt durch die Anwendung von Misoprostol nach vorheriger Einnahme von Mifepriston. Dieser zweite Teil einer Schwangerschaftsbeendigung sowohl bei ungewollter als auch gestörter Frühschwangerschaft wird von vielen Schwangeren zuhause durchgeführt. Der sogenannte “Home-use” ist sicher und wird von den meisten Schwangeren bevorzugt. Der “Home-use” wird daher in internationalen Leitlinien empfohlen nach Aufklärung über Ablauf, Nebenwirkungen der Medikamente, Risiken und Verhalten im Falle von möglichen Komplikationen.
Sowohl die Aufklärung vor einem “Home-use” als auch die Gabe von einer Begleitmedikation zur Linderung von Nebenwirkungen (Schmerzmitteln und Antiemetika) differieren in den ambulanten Einrichtungen
Die App “Alli” ist der Versuch, diese Differenzen auszugleichen und eine sinnvolle Ergänzung zum ärztlichen Aufklärungsgespräch zu bieten.
Im Rahmen einer Schwangerschaftsbeendigung sowohl bei ungewollten als auch gestörten Schwangerschaften kommt es häufig zu einer psychischen Belastung durch die Situation, die nach der Intervention schnell wieder abklingt.
Die Primärhypothese der Studie EvaSAB ist, dass die Unterstützung durch die App “Alli” als hilfreich beurteilt wird und die Erholung des emotionalen Stress stärker ist.
Methodik: Prospektive, multizentrische, unverblindete Kontrollstudie mit validierten Tests (mini-SCL/BSI, L-1, G-SISE, ASKU).
Analyse der (Begleit)-Medikation von ambulant durchgeführten, medikamentösen Schwangerschaftsabbrüchen – Ergebnisse einer bundesweiten Online-Umfrage unter Ärztinnen und Ärzten
Rikl L 1,2; Graf K 1; Maeffert J 3; Kühn L 4; Schmiedl S 1,2,5
1 Zentrum für Klinische Studien, Universität Witten/Herdecke, Witten
2 Lehrstuhl für Klinische Pharmakologie, Universität Witten/Herdecke, Witten
3 Gyn-Praxis Nova, Berlin
4 Vivantes Klinikum Neukölln, Berlin
5 Philipp-Klee-Institut für Klinische Pharmakologie, Helios Universitätsklinikum Wuppertal
Einleitung Im Jahr 2023 wurden in Deutschland mehr als 100.000 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt, ein erheblicher Anteil davon ambulant mit teilweise selbst verabreichten Medikamenten („Home-use“). Gemäß WHO1- und AWMF2-Leitlinien werden Analgetika und Antiemetika als Begleitmedikation empfohlen, zur tatsächlichen Versorgungspraxis existieren jedoch nur wenige Daten. Neben der Pharmakotherapie kann auch die Art der Betreuung – („Tender Loving Care“, TLC) – das subjektive Schmerzerleben beeinflussen. Ziel dieser Arbeit war die Erfassung der Behandlungsrealität im Rahmen ambulanter, medikamentös durchgeführter Schwangerschaftsabbrüche.
Methode Es wurde eine bundesweite Online-Umfrage unter Ärztinnen und Ärzten durchgeführt, die laut Bundesärztekammer oder Doctors for Choice Germany e. V. medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Die Auswertung erfolgte deskriptiv mit SPSS.
Ergebnisse Von 282 eingeladenen Personen antworteten 75 (26,6 %), 55 Datensätze konnten analysiert werden. Die Mehrheit der Befragten war weiblich (80 %), in Großstädten tätig (61,8 %) und gynäkologisch spezialisiert (90,9 %). Fast alle Ärzte gaben an, eine Kombination aus Mifepriston und Misoprostol in unterschiedlichen Dosierungen und Darreichungsformen als Abtreibungsmedikament zu verwenden. Die Analgesie basierte überwiegend auf Ibuprofen, häufig ergänzt durch Paracetamol oder Codein. Dimenhydrinat war das am häufigsten eingesetzte Antiemetikum. In der Selbsteinschätzung bejahten alle Teilnehmenden eine Betreuung nach dem TLC-Konzept.
Strukturierter präpartaler Zugang zu Frauen mit psychosozialen Belastungen im Jenaer Familienlotsenprojekt
Zillessen M, Menke L, Schleußner E
Klinik für Geburtsmedizin, Universitätsklinikum Jena
Die Früherkennung von familiären Belastungsfaktoren und die Vermittlung in das System der Frühen Hilfen stellen einen wirksamen Schutz von Kindern vor Vernachlässigung und Gefährdung dar. Im Projekt Familienlotsen wurde für Jena und das Umland ein Zugang zu psychosozial belasteten Eltern mittels Screeningfragebogen zur Erfassung bestehender präpartaler Risikofaktoren entwickelt. Niedrigschwelligkeit, Freiwilligkeit und Kostenfreiheit sind dabei zentrale Prinzipien des Projektes.
Um dem Hilfebedarf zu begegnen, findet ein Clearing mittels Fragebogen in der Geburtsplanungssprechstunde mit anschließender koordinierter Anbindung an interne und externe Unterstützungsangebote statt. Klinikintern erfolgt die Vermittlung in das bestehende psychosoziale Versorgungssystem, wichtigster klinikexterner Partner ist das Angebot der Frühen Hilfen in Jena.
Bis zum 31.12.25 wurden 826 Schwangere per Screening erfasst, davon wurden 177 Frauen (21%) durch das Projekt aktiv unterstützt. Erfragter Hilfebedarf:
- Psychische Belastungen und Erkrankungen: 57 %
- Kritischer Substanzkonsum und Rauchen: 23 %
- Körperliche, und / oder sexuelle Gewalterfahrungen: 28 %
- Drohende Erkrankung/Behinderung des Kindes: 9 %
- Traumatisches Geburtserleben: 19 %
- Finanzielle Problematik: 15 %
Relevante Unterstützungsbedarfe werden in der klinikinternen Dokumentation erfasst, was zu einer höheren Informiertheit des Personals über die Risiken zur Geburt führt, und dadurch gezielte Hilfe und präventives Handeln ermöglicht.
Fazit Das Projekt „Familienlotse“ unterstützt werdende Eltern bei der frühzeitigen und stabilen Inanspruchnahme Früher Hilfen. Familien mit besonderen Bedarfen werden so früher in ein unterstützendes Hilfesystem vermittelt und so möglicherweise spätere intensiverer Unterstützungsnotwendigkeiten verhindert.
Sozialkonsil im Perinatalzentrum: Praxismodell eines strukturierten Abstimmungsprozesses bei zunehmender psychosozialer Fallkomplexität
Menke L, Schleußner E
Klinik für Geburtsmedizin, Universitätsklinikum Jena
Hintergrund: Psychosoziale Belastungen stellen im perinatalen Setting eine zunehmende Herausforderung dar. Im Universitätsklinikum Jena, wurde ein psychosoziales Screening implementiert, dass eine systematische Erfassung psychosozialer Belastungen ermöglicht.
Methoden: Die im Rahmen der Familienlotsenarbeit erhobenen Daten bei ca 75 % aller betreuten Frauen, weisen auf einen zunehmenden Anteil psychosozial belasteter Schwangerer, sowie eine steigende Komplexität der Fallkonstellationen hin. Vor diesem Hintergrund wird seit 2025 im Perinatalzentrum ein interprofessionelles Sozialkonsil als Praxismodell implementiert. Es ist als strukturierter, professionsübergreifender Abstimmungsprozess zwischen Kliniksozialdienst, Ärzten der Geburtshilfe und der Neonatologie sowie der neonatologischen Pflege definiert. Ziel ist eine gemeinsame Einschätzung psychosozialer Unterstützungsbedarfe und eine koordinierte Versorgungsplanung rund um die Geburt.
Ergebnisse: Die bisherigen Erfahrungen aus der Implementierungsphase zeigen, dass das Modell bei komplexen Belastungskonstellationen wie Substanzkonsumstörungen, psychische Erkrankungen, soziale Risikobelastung , sowie auffällige Pränataldiagnostik, ein effektives Schnittstellenmanagement unterstützt. Der strukturierte Abstimmungsprozess fördert die Transparenz psychosozialer Belastungsdynamiken, erleichtert die Kommunikation im multiprofessionellen Team und ermöglicht frühzeitige Koordination psychosozialer Unterstützungsangebote.
Schlussfolgerung: Das interprofessionelle Sozialkonsil unterstützt als praxisbasierter Modellversuch die strukturierte interprofessionelle Abstimmung bei komplexen psychosozialen Problemlagen im perinatalen Setting. Eine Weiterentwicklung des Modells ist vorgesehen.
Förderung interprofessioneller (IP) Kompetenzen durch die IP Ausbildungsstation auf der Wöchnerinnen-Station in Bonn
Roller F, Satow J, Klein A
Sektion Gynäkologische Psychosomatik und Psychoonkologie, Zentrum für Geburtshilfe und Frauenheilkunde, Universitätsklinikum Bonn
Einleitung. Interprofessionelle (IP) Kompetenzen werden zunehmend gefordert, bspw. von der WHO, der Bundesärztekammer und der Gesellschaft für medizinische Ausbildung. Am Uniklinikum Bonn erfolgte 2022 die Implementierung der deutschlandweit ersten IP Ausbildungsstation (IPSTA) im Bereich Frauenheilkunde und Geburtshilfe auf der Wöchnerinnen-Station (W-IPSTA). Ziel der W-IPSTA ist die Stärkung einer ganzheitlicheren und somit verbesserten Versorgung der Wöchnerinnen und ihrer Neugeborenen durch IP Zusammenarbeit von Medizinstudierenden im PJ, Studierenden der Hebammenwissenschaft und Auszubildende zur Pflegefachperson mittels praxisbasierter Lehre und Supervision durch Lernbegleitende. In diesem Vortrag wird der Einfluss einer W-IPSTA-Teilnahme auf die Veränderung der wahrgenommenen IP Kompetenzen der Teilnehmenden vorgestellt.
Methode. Es wurde ein quantitatives Pre-Post-Design angewandt; die Mittelwerte der beiden Messzeitpunkte wurden mittels Zweistichproben-t-Test für abhängige Stichproben verglichen. IP Kompetenzen wurden mittels folgender Fragebögen erhoben: Dt. Version des University of West of England Interprofessional Questionnaire (UWE-IP-D); dt. Version der Interprofessional Socialization and Valuing Scale (ISVS-21); dt. Version der Assessment of Interprofessional Team Collaboration Scale (AITCS-II).
Ergebnisse. Bei allen drei Fragebögen fällt die durchschnittliche Antwort der Teilnehmenden (N=26) vor Beginn eines W-IPSTA Durchganges niedriger aus als nach Beendigung; es ergibt sich bei allen drei Fragebögen eine hohe Signifikanz (p<0.05).
Schlussfolgerung. Die Zwischenergebnisse weisen auf einen signifikanten Anstieg IP Kompetenzen durch eine W-IPSTA-Teilnahme hin. Die W-IPSTA scheint somit einen erfolgreichen strukturellen Rahmen zu bieten, um den Teilnehmenden den Erwerb und Ausbau IP Kompetenzen in der stationären postpartalen Versorgung zu ermöglichen.
Implementierung psychosomatischer Lerneinheiten (LE) auf der Interprofessionellen (IP) Ausbildungsstation auf der Wöchnerinnen-Station in Bonn
Satow J, Roller F, Klein A
Sektion Gynäkologische Psychosomatik und Psychoonkologie, Zentrum für Geburtshilfe und Frauenheilkunde, Universitätsklinikum Bonn
Einleitung. Am Uniklinikum Bonn wurde 2022 die deutschlandweit erste IP Ausbildungsstation im Bereich Frauenheilkunde und Geburtshilfe auf der Wöchnerinnen-Station (W-IPSTA) etabliert. Ziel ist die Förderung einer ganzheitlicheren und damit verbesserten Versorgung von Wöchnerinnen und Neugeborenen durch die IP Zusammenarbeit von Medizinstudierenden, Studierenden der Hebammenwissenschaft und Auszubildenden zur Pflegefachperson auf Basis praxisorientierter Lehre und Supervision durch Lernbegleitende. Ein zentraler Aspekt in der ganzheitlicheren Patient:innenversorgung stellt hierbei die Sensibilisierung der Teilnehmenden (TN) für psychosomatische Aspekte in der geburtshilflichen Versorgung dar. Der Vortrag stellt das Konzept psychosomatischer LE im Rahmen der W-IPSTA vor und bezieht dabei TN-Stimmen mit ein.
Konzept. In zwei jeweils zweistündigen Seminareinheiten erarbeiten die TN mit Hilfe klinischer Fallbeispiele folgende Themen: Psychosomatische Anamneseerhebung, postpartale psychische Erkrankungen (Prävalenzen, Symptomatik, Diagnostik und Interventionsmöglichkeiten), Anwendung spezifischer Gesprächstechniken. Begleitet werden sie dabei von Mitarbeiterinnen der Gynäkologischen Psychosomatik und Psychoonkologie. Für eine strukturierte Sicherung und Verbesserung der LE wird seit 10/25 das TN-Feedback nach Beendigung eines Durchganges standardisiert mittels Mixed-Method-Design erhoben.
Rückmeldungen. Ein Großteil der TN berichtete von einer Sensibilisierung für psychosomatische Aspekte in der Patient:innenversorgung durch die psychosomatischen LE. Der IP Austausch wurde als bereichernd erlebt, die Inhalte als praxisnah und unmittelbar anwendbar beschrieben. Subjektiv wurde die eigene Handlungssicherheit und Kompetenz im Umgang mit psychosomatischen Fragestellungen gestärkt. Ausblick. Die vermittelten Inhalte werden derzeit in ein digitales Format überführt (e-Learning-Modul), um sie flexibler und nachhaltiger verfügbar zu machen.
Sitzung Kurzvorträge 2
Vorsitz: Susanne Ditz, Heidelberg; Ruben Plöger, Bonn
Development and evaluation of an interdisciplinary learning module on first trimester abortion within the consultation clause for medical students
Kristina Killinger, Heidelberg
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen – auch Hilfe für Fachkräfte
Christine Weyh, Köln
Posttraumatische Belastungsstörung nach der Geburt: Definition, Risikofaktoren, Pathophysiologie, Diagnose, Prävention und Behandlung
Katharina Hartmann, Bonn
Prävention von (Re-)Traumatisierung während der Geburt. Intrapartale Betreuung und subjektives Geburtserleben von Patient:innen der Gynäkopsychiatrie
Fabienne Forster, St. Gallen
Was macht uns solche Angst ?
Katharina Lüdemann, Delmenhorst
Traumasensibles Arbeiten in der Geburtshilfe – Erfahrungen aus der Psychologischen Sprechstunde
Lisa Daesler, Berlin
Erste Erfahrungen mit der systematischen Supervision von Onko-Lotsinnen im Rahmen einer Prärehabilitation von Onkologischen Patientinnen
Adak Pirmorady, Berlin
Prävention traumatischer Geburtserfahrungen in der Klinik für Geburtsmedizin Jena
Julia Morach, Jena
Kann man Bindung lernen? Neurofeedbacktraining bei Müttern mit postpartaler Bindungsstörung
Marlene Krauch, Heidelberg
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Development and evaluation of an interdisciplinary learning module on first trimester abortion within the consultation clause for medical students
Killinger K1, Förstel M1, Wallwiener S2
1 Frauenklinik, Universitätsklinik Heidelberg
2 Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Universitätsklinik Halle
For the first time in 2021 the new version of the nationally mandatory competence-based learning catalogue for medical students included theoretical aspects on abortion provision in Germany. Based on the catalogue, we designed a multi-staged module consisting of (a) three expert talks about ethical considerations, abortion provision and patient-centered communication, (b) performance of a role play in small groups with actors to train patient-practitioner-interaction in the context of an unwanted pregnancy and (c) structured group discussions on legal, ethical, and practical aspects of abortion provision. In 2022, we piloted the module in two sessions giving access to all medical students as an extracurricular learning opportunity. We conducted surveys medical school wide prior and within our student group after the module, non-paired.
We received overall 297 answers. Most of the students (79%) are in favor of liberal abortion laws. At the same time only 30% self-assessed their knowledge of the medical and legal basis on abortion provision to be sufficient. Ca. 40 % of the students showed the willingness to perform abortions within the consultation clause and 43% of the students agreed to consult patients on abortion provision but not perform them themselves. The right for practitioners to object to perform abortions was highly agreed upon ( 78%). After our pilot sessions we received 35 evaluation surveys from 60 participants. All students showed great interest in the subject. After the second pilot course we observed an increase of interest by 26%. Students reported a significant increase in knowledge, while upholding similar progressive views on the matter.
After evaluating the module, we have now integrated the module in our regular teaching catalogue. Overall, we see a great response to our new learning module and can hope for practice-changing effects on the provision of abortion care in the future.
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen – auch Hilfe für Fachkräfte
Weyh C
Bundesamt für Familie, Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, Köln
Einleitung: Das bundesweite Hilfetelefon berät seit mittlerweile über 10 Jahren nicht nur gewaltbetroffene Frauen, sondern auch Fachkräfte und Unterstützende.
Die Fachbereichsleiterin Christine Weyh stellt das Beratungsangebot und die Unterstützungsmöglichkeiten des Hilfetelefons vor, mit dem Ziel es auch in der Gruppe der Fachkräfte, die mit mit gewaltbetroffnenen Frauen arbeiten, bekannter zu machen.
Methode: Kurzvortrag mit PowerPointPräsentation (15 Minuten plus Zeit für Fragen)
Inhalte: Das Hilfetelefon – Hintergrund und Einblick in Zahlen / Vorstellung der Angebotstruktur des Hilfetelefons: Anonyme Telefonische Beratung – Email und Chatberatung – Beratung in Gebärdensprache – Dolmetschung in 17 Sprachen / Wer ruft an? / Mit welchen Anliegen? / Wer berät am Hilfetelefon? / An welche Einrichtungen kann vermittelt werden? / Veranschaulichung anhand von Praxisbeispielen / www.hilfetelefon.de
Posttraumatische Belastungsstörung nach der Geburt: Definition, Risikofaktoren, Pathophysiologie, Diagnose, Prävention und Behandlung
Hartmann K
Wissenschaftsressort, Mother Hood e.V. / COST Action 18211, Bonn
Der Kurzvortrag präsentiert die AJOG Expert Review Horsch, A, Garthus-Niegel, S Ayers, S, Chandra, P, Hartmann, K, Vaisbuch, E, Joan Lalor, J (2024) Childbirth-related posttraumatic stress disorder: definition, risk factors, pathophysiology, diagnosis, prevention, and treatment. American Journal of Obstetrics and Gynecology, 2024. https://doi.org/10.1016/j.ajog.2023.09.089 .
Psychologische Geburtstraumata und posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) nach der Geburt beeinträchtigen weltweit jährlich 6,6 Millionen Mütter und 1,7 Millionen Väter oder Miteltern. Geburtsbezogene PTBS kann aus traumatischen Geburtserfahrungen resultieren, besonders bei Hochrisikogruppen (zB nach Früh- oder Totgeburten). Risikofaktoren für PTBS sind pränatal (Depressionen, Ängste, Gesundheitsprobleme), perinatal (negative Geburtserfahrungen, vaginal-operative Geburten, Komplikationen) oder postnatal (Depressionen, Anpassungsprobleme).
Die Verbindung von Geburtserlebnissen und PTBS bietet Chancen zur Prävention.
Primäre Prävention (Screening auf pränatale Risikofaktoren, trauma-informierte Begleitung) zielt darauf ab, traumatische Geburtserlebnisse zu verhindern. Sekundäre Prävention (trauma-fokussierte Therapien, frühzeitige Interventionen) identifiziert und interveniert nach traumatischen Geburten. Tertiäre Prävention (kognitive Verhaltenstherapie, Desensibilisierung) soll sicherstellen, dass posttraumatische Belastungsstörungen nicht chronisch werden.
Angemessene Prävention, ggf. Screening und Intervention könnten das Leiden in betroffenen Familien lindern. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Faktor „subjektives negatives Geburtserleben“: Hier bietet sich eine kurzfristige und kostenneutrale Möglichkeit der Prävention. Mittelfristig ist entscheidend, Bewertungs-, Präventions- und Behandlungsinterventionen zu entwickeln, die die gebärende Person, das Elternpaar, die Eltern-Säuglings-Dyade und die Familie als Ganzes berücksichtigen.
Prävention von (Re-)Traumatisierung während der Geburt. Intrapartale Betreuung und subjektives Geburtserleben von Patient:innen der Gynäkopsychiatrie
Forster F, Stoffel P, Stierli S
Gynäkopsychiatrie, Psychiatrie St. Gallen, Will, Schweiz
Einleitung: Diverse Faktoren beeinflussen das subjektive Geburtserleben von Gebährenden. Während viele dieser Faktoren kaum oder nur mittelfristig beeinflussbar sind (z. B. Alter, sozioökonomischer Status, Gesundheit oder Partnerschaft), stellt die intrapartale Betreuung während der Geburt einen zentralen beeinflussbaren Faktor dar. Ganz besonders bei psychisch erkrankten und/oder traumatisch vorbelasteten Personen kann die Qualität der intrapartalen Betreuung darüber entscheiden, ob es zu einer Re-Traumatisierung oder einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit kommt.
Methoden: In der Gynäkopsychiatrie werden u.a. Frauen mit psychischen Problemen im ersten Jahr postpartum behandelt, darunter auch viele mit traumatisch erlebten Geburten. In diesem Forschungsprojekt wird bei Patient:innen der Gynäkopsychiatrie das subjektive Geburtserleben, die Symptombelastung und die erlebte Betreuung während der Geburt mittels standardisierten online Fragebögen erhoben. Die Daten werden mittels Korrelationsanalysen im SPSS ausgewertet.
Ergebnisse: Unter den Patient:innen mit traumatisch erlebter Geburt gab es sowohl eine Gruppe mit vorbestehenden psychischen Störungen als auch eine (verhältnismässig grössere) Gruppe ohne psychiatrische Vorerkrankungen. Die Aussagen der Patient:innen deuten darauf hin, dass eine offene Kommunikation und einfühlsame Begleitung mit möglichst wenig Leistungsdruck unter der Geburt von Frauen mit und ohne vorbestehender psychischer Belastung als wichtig erachtet werden.
Schlussfolgerungen: Diese vorläufigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine differenzierte und Trauma-sensible Geburtshilfe die psychische Gesundheit von Frauen im Postpartum positiv beeinflussen könnte. Wir schlagen kosteneffiziente Screening-Fragen vor und diskutieren die Erfahrungen der betroffenen Frauen im klinischen Kontext.
Was macht uns solche Angst?
Lüdemann K
Frauenklinik, Delme-Klinikum, Delmenhorst
Einleitung: Immer mehr Geburtshelfer*innen fliehen aus der aktiven Geburtshilfe. Chefarztpositionen können nicht besetzt werden, weil Kandidat*innen die geburtshilfliche Tätigkeit ablehnen. Die Hälfte der Hebammenstudierenden bekennen, sie könnten sich eine Tätigkeit in der Klinik nicht vorstellen. Welche Ängste und Erlebnisse stehen hinter dieser Haltung?
Methode: Literaturrecherche und Interviews im Bekanntenkreis
Ergebnisse: Etwa die Hälfte aller Geburtshelfer*innen hat traumatische Ereignisse wie Tod oder schwere Schädigung eines Kindes, Tod einer Mutter oder schwere Komplikationen erlebt. 10-15% entwickeln zumindest vorübergehend eine Belastungsstörung. Gleichzeitig wächst in den Kliniken durch Personalmangel und Finanznot der Druck. Die Anforderungen der werdenden Eltern an das Geburtshilfe-Team sind hoch oder werden so empfunden. Seit 30 Jahren konnten wir in Deutschland trotz maximaler Technisierung der Geburtshilfe keine weitere Verbesserung bei mütterlicher und kindlicher Mortalität erzielen. Es wird also weiterhin traumatische Ereignisse geben.
Schlussfolgerung: Im Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach der perfekten Geburt und den schwierigen Arbeitsbedingungen in den Kliniken brauchen wir dringend Interventionen, die ein Team unterstützen und entlasten. Traumatische Ereignisse müssen gezielt aufgearbeitet werden und den Betroffenen so ermöglichen, ihren Beruf weiterhin mit Freude und Selbstsicherheit auszuüben.
Traumasensibles Arbeiten in der Geburtshilfe – Erfahrungen aus der Psychologischen Sprechstunde
Daesler L, Abou-Dakn M
Geburtsklinik/Perinatalzentrum, St. Joseph Krankenhaus Berlin
Obwohl die allgemeine gesellschaftliche und politische Anerkennung für eine psychische Erkrankung wächst und psychische Belastungen, langfristige Risiken und Unterstützungsbedarfe zunehmend identifiziert werden können, ist die Integration durch psychologisch geschultes Fachpersonal in den geburtshilflichen Kliniken nach wie vor eher die Ausnahme. Gerade in der Zeit rund um Schwangerschaft und Geburt sind die Herausforderungen und Veränderungen groß und auch emotional verknüpft. Und nicht selten kann es zu einem Rezidiv einer früheren Psychischen Erkrankung bzw. einer aktuellen Belastung kommen. Um auf das subjektive Erleben rund um die Geburt, mögliche traumatische Vorerfahrungen und aktuelle Belastungen einzugehen, braucht es Expertise, Zeit und eine gute Zusammenarbeit zwischen den Professionen. Multidisziplinäre Teams in der Geburtshilfe, die psychologische und psychosoziale Expertise integrieren bieten eine besondere traumasensible Kompetenz, können präventiv einer Überforderung rund um die Geburt entgegenwirken und das Team entlasten (Daesler, 2018). Allerdings weisen viele Expert*innen auf dem Gebiet vehement auf die fehlenden finanziellen Mittel hin, um einer umfassenden psychosozialen Beratung und psychologischen Betreuung die passende (personelle) Form geben zu können (Abou-Dakn, 2018).
Vor diesem Hintergrund soll an dem Beispiel der psychologischen Begleitung in der Klinik für Geburtshilfe und Gynäkologie des St. Joseph Krankenhauses Berlin-Tempelhof gezeigt werden, dass die Integration der entsprechenden Expertise und Ergänzung der bisherigen Professionen zur „doppelten Dividende“ werden kann und somit einen entscheidenden Beitrag zur traumasensiblen Arbeit im Kontext der Geburtshilfe leistet. Im angestrebten Kurzvortrag soll die Arbeit des psychosozialen Teams der Klinik für Geburtshilfe und Gynäkologie des St. Joseph Krankenhauses Berlin-Tempelhof vorgestellt und am Beispiel der Psychologischen Sprechstunde der traumasensible Ansatz dargestellt werden.
Erste Erfahrungen mit der systematischen Supervision von Onko-Lotsinnen im Rahmen einer Prärehabilitation von Onkologischen Patientinnen
Pirmorady A
Psychosomatik, Charité Universitätsmedizin Berlin
Einleitung: Im Rahmen des KORE-INNOVATIONS Konzeptes, bei dem onkologische Patientinnen im Vorfeld ihrer Operation begleitet und ganzheitlich gestärkt werden sollen, wurden Frauen die selbst an einer Karzinomerkrankung erkrankt waren als Onko-Lotsinnen ausgebildet, da diese Lotsinnen ursprünglich nicht aus pflegerischen/therapeutischen oder ärztlichen Personal bestehen braucht es ein Supervisionsangebot für diese Frauen. Dieses Konzept möchten wir im Rahmen dieser Arbeit vorstellen. Methodik: Die KORE Studie ist eine prospektive kontrollierte nicht randomisierte, zwei Center Studie bei der es um die Optimierung der präoperativen mentalen und somatischen Situation der Patientinnen geht. In diesem Rahmen werden Frauen durch Onko-Lotsinen unterstützt. Die Onko-Lotsinnen werden mit einer einmal im Monat durchgeführten Supervision durch eine Psychoanalytikerin unterstützt um ihre Gruppen- und Einzelcoachings adäquat durchführen zu können.
Ergebnisse: Es konnte festgestellt werden dass regelmäßige Supervisionstermine für Onko-Lotsinnen im Rahmen der KORE Studie einen entlastenden Effekt hatten. Hierzu wird ein Fallbeispiel einer überforderten Onko-Lotsin beschrieben welche sich durch die Deutung der Gegenübertragung und Projektion der eigenen Selbstzweifel und Ängste mit der eigenen Überforderung auseinandersetzen musste und so durch die Supervisionsstunde einen besseren Zugang zu ihrer Aufgabe, der Unterstützung der erkrankten Frauen, erarbeiten konnte.
Schlussfolgerung: Einen begleitenden Raum für Patientinnen mit bevorstehenden schweren Behandlungen zur Verfügung zu stellen um Ängste zu bearbeiten und offene Fragen zu bearbeiten ist ein wichtiger Bestandteil von Heilungsprozessen und sollte systematisierter in die somatische Betreuung onkologischer Patientinnen einfließen.
Prävention traumatischer Geburtserfahrungen in der Klinik für Geburtsmedizin Jena
Morach J, Heimann Y, Schleicher M, Schleußner E
Klinik für Geburtsmedizin, Universitätsklinikum Jena
Auch medizinisch komplikationslose Geburten können von Eltern traumatisch erlebt werden. Posttraumatische Belastungsstörungen sollen nach jeder 35. bis 70. Entbindung entstehen. An der Klinik für Geburtsmedizin Jena wird seit Oktober 2022 das Erleben der Geburt mittels 5-Punkte-Likert-Skala quantitativ beim ärztlichen Abschlussgespräch erfasst (1 als bestes, 5 als schlechtestes mögliches Geburtserlebnis).
Hier sollen erste Ergebnisse einer begleitenden qualitativen Analyse der mütterlichen Kommentare inhaltsanalytisch nach Mayring und Fenzl (2019) ausgewertet werden.
Die Auswertung inkludiert 59 Mütter, die quantitativ eine 4–5 vergaben und deshalb als potentiell traumatisiert betrachtet wurden.
Als bedrohlich beschrieben Mütter die Angst um das eigene oder das Leben ihres Kindes sowie massive Wehenschmerzen. Das Gefühl des Kontrollverlustes wurde vor allem in langwierigen, zeitlich unüberschaubaren Geburtsvorgängen beschrieben sowie Notkaiserschnitten und dem Eindruck, dass eigene Wünsche nicht ernst genommen würden.
Hilfreich erlebt wurde ein verlässlicher Kontakt zu mindestens einer Person, Kenntnis über die bevorstehenden Abläufe, die Berücksichtigung von eigenen Wünschen sowie ein ruhiges Klima im Behandlungsteam.
Mit der strukturierten Erfassung des Geburtserlebens kann die geburtshilfliche Betreuung von Müttern optimiert werden. Aus unserer Analyse werden Ansätze für systematische Veränderungen im Betreuungsprozess unter der Geburt wie die Benennung einer zentralen Bezugsperson, Optimierung der Schmerztherapie oder Fortbildungen zur Emotionsregulation im Behandlungsteam für unsere Klinik abgeleitet.
Kann man Bindung lernen? Neurofeedbacktraining bei Müttern mit postpartaler Bindungsstörung
Krauch M1, Eckstein M1, Zietlow A-L2, Ditzen B1
1 Institut für Medizinische Psychologie, Universitätsklinikum Heidelberg
2 Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Technische Universität Dresden
Mütter mit postpartaler Bindungsstörung berichten, dass sie sich an ihrem Baby weniger freuen können und den Kontakt mit dem Neugeborenen als weniger belohnend erleben als gesunde Mütter. Die Risikofaktoren für eine Bindungsstörung und die zugrunde liegenden Mechanismen sind bisher noch weitestgehend unklar und könnten mit einer Hypoaktivierung des neuronalen Belohnungssystems zusammenhängen.
In unserer aktuellen Studie nahmen N=36 Mütter mit postpartaler Bindungsstörung 3-4 Monate nach der Geburt an einem Neurofeedbacktraining teil. Während drei Trainingssessions lernten sie, bewusst die Aktivität des neuronalen Belohnungssystems (oder einer Kontrollregion – klinische Kontrollgruppe) zu erhöhen, während ihnen Bilder ihres Kindes präsentiert wurden.
Die Ergebnisse deuten auf eine Verbesserung der mütterlichen Bindungsqualität nach der Neurofeedback Intervention hin. Außerdem weisen die Ergebnisse aus Fragebogendaten der Studie auf den Geburtsmodus als möglichen Risikofaktor für die Entwicklung einer Bindungsstörung bei Müttern hin.
Die Ergebnisse werden hinsichtlich ihrer Implikationen für innovative therapeutische Interventionen und für mögliche Präventionsstrategien diskutiert. Da die postpartale Bindungsstörung sowohl eine Belastung für die betroffenen Mütter als auch ein Risiko für die langfristige Entwicklung des Kindes darstellt, ist das Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen der Störung und die Entwicklung von Präventions- und Interventionsstrategien von hoher klinischer Relevanz.
Sitzung Kurzvorträge 3
Vorsitz: Andrea Hocke, Bonn; Julka Weblus, Berlin
Kinderwunsch: Wer will Zwillinge? Motive und Risikobewertung
Gillian Kugler, Heidelberg
Shared decision making: Beratungskonzept zur Geburtsmodusplanung bei fetaler Beckenendlage – Stärkung der Selbstbestimmung und des Geburtserlebnisses
Anna-Elisabeth Ebeling, Hannover
Wahrnehmung von Gewalt unter Geburt
Lisa Hoffmann, Bonn
Präpartaler Zugang zu Frauen mit psychosozialen Belastungen in der Klinik für Geburtsmedizin Jena
Liane Menke, Jena
Systematische strukturierte Erfassung des subjektiven maternalen Geburtserlebnis in der klinischen Routine
Yvonne Heinemann, Jena
Peripartales Management bei Frauen mit Posttraumatischer Belastungsstörung
Kathrin Degen, Kreuzlingen
Ärztliche Gesprächsführung und psychologische Beratung bei Endometriose
Tewes Wischmann, Heidelberg
Geburten aus Sicht von Frauen, Hebammen und Ärztinnen: Die Erkennbarkeit der traumatischen Geburtserfahrung
Sarah Märthesheimer, Düsseldorf
Die Belastung von Eltern Frühgeborener in den ersten Wochen nach der Geburt auf der Neonatologischen Intensivstation
Nadine Scholten, Köln
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Kinderwunsch: Wer will Zwillinge? Motive und Risikobewertung
Kugler G1, Wischmann T1, Germeyer A2, Holschbach V2, Ditzen B1
1 Institut für Medizinische Psychologie, Universitätsklinikum Heidelberg
2 Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsstörungen, Universitäts-Frauenklinik Heidelberg
Einleitung Etwa 16% aller Geburten nach assistierter Reproduktion (ART) in Deutschland sind Mehrlingsgeburten. Mit diesen sind eine Reihe von Risiken für die Schwangere und die (zukünftigen) Kinder verknüpft, welche potentiell traumatisierend wirken können. Ziel der Arbeit ist es, die Einstellungen zu Einlings- vs. Mehrlingsschwangerschaften und die Motive zur Inanspruchnahme von Single- vs. Double Embryotransfer (SET/DET) bei Paaren in ART deskriptiv zu erfassen.
Methodik Die Datenerhebung in Form einer prospektiven quantitativen Querschnittsstudie erfolgte an 103 Paaren (und 7 einzelnen Frauen) der Kinderwunschambulanz der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg. Eingeschlossen wurden alle volljährigen Paare, die der Teilnahme schriftlich zugestimmt haben und über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. Die Altersobergrenze bei Frauen lag bei 45 Jahren. Eine Teilnahme als Einzelperson war ebenfalls möglich. Die Daten wurden mittels anonymer Fragebögen erfasst und unter Verwendung von SPSS ausgewertet.
Vorläufige Ergebnisse 46,0% der Personen gaben an, sich beim nächsten Versuch, unabhängig ob Erst- oder Folgeversuch, einen DET zu wünschen. Als häufigster Grund wurde mit 77,8% die Erhöhung der Chance auf eine Schwangerschaft genannt. 64,8% der Personen gaben an stark bis extrem stark von ihrem unerwünschten Kinderwunsch belastet zu sein. Eine signifikante Korrelation mit der Entscheidung für einen DET zeigte sich hierbei allerdings nicht. Des Weiteren korrelieren Risikobereitschaft und die Entscheidung für einen DET signifikant (p<0,001), jedoch nicht zwischen dem Alter und der Inanspruchnahme des DET.
Schlussfolgerung Die vorliegenden Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Präferenz des DET hauptsächlich mit dem Ziel einer erhöhten Schwangerschaftswahrscheinlichkeit einhergeht. Interessanterweise korreliert diese Präferenz signifikant mit der individuellen Risikobereitschaft, jedoch nicht mit dem Alter der Frauen.
Shared decision making: Beratungskonzept zur Geburtsmodusplanung bei fetaler Beckenendlage – Stärkung der Selbstbestimmung und des Geburtserlebnisses
Ebeling A E, Holthausen-Markou S, von Kaisenberg C, Hillemanns P, Brodowski L
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Medizinische Hochschule Hannover
Etwa 3% aller Feten liegen am Termin in Beckenendlage, wobei der günstigste Geburtsmodus kontrovers diskutiert wird. Hauptziel der Beratung durch Ärzte und Hebammen hierbei soll die Stärkung von Selbstbestimmung der Schwangeren und empathische Unterstützung bei ihrer Wahl des Geburtsmodus unter Berücksichtigung medizinischer (Kontra-)Indikationen sein.
Zwischen 08/2021 und 12/2022 wurden an der Medizinischen Hochschule Hannover klinische Parameter von Einlingsschwangerschaften in Beckenendlage erhoben. Bei erstmaliger Beratung zwischen der 34. und 37. Schwangerschaftswoche wurden nach Untersuchung die verschiedenen Entbindungsmodi vorgestellt. Zudem wurde eine MRT-Pelvimetrie angeboten, nach deren Durchführung die Geburtsmodusplanung erfolgte. Retrospektiv wurde das Geburtserleben mittels eines Fragebogens evaluiert.
Während sich vor Vorstellung die Hälfte der Frauen noch nicht auf eine Entbindungsart festgelegt hatte, konnten sich nach ausführlichem Gespräch 80% davon für eine vaginale Geburt auf Grundlage der MRT entscheiden. 40% des Gesamtkollektivs gaben an, ihre Entscheidung mit Hilfe des Ergebnisses der Pelvimetrie getroffen zu haben. Insgesamt hatte die Studienpopulation ein sehr positives Geburtserlebnis. Die Befragten, die per Sectio entbunden hatten, zeigten das negativste Geburtserleben auf. Fetale und maternale Ergebnisse beider Gruppen unterschieden sich nicht.
Ein gemeinsamer Entscheidungsprozess zur Geburtsmodusplanung erhöht die Selbstbestimmung und Zufriedenheit der Schwangeren. Zusatzdiagnostik wie die MRT kann als Prädiktor für eine erfolgreiche vaginale Beckenendlage eingesetzt werden. Wir nehmen an, dass es aufgrund des „shared decision making“ zu einer Prävention psychischer Folgestörungen kommt, wie sie nach fremdbestimmten und traumatisch erlebten Entbindungen häufig sind. Im Falle einer Spontangeburt kommt es demnach zu verbessertem Körpererleben und schnellerer Regeneration, womit unkompliziertere Fürsorge und Bindung zum Kind gelingen
Wahrnehmung von Gewalt unter Geburt
Hoffmann L1, Berner E1, Imhoff R2
1 Sozial- und Rechtspsychologie, Institut für Psychologie, Universität Bonn,
2 Sozial- und Rechtspsychologie, Institut für Psychologie, Universität Mainz,
Einleitung. In den letzten Jahren wurden in den Medien vermehrt Fälle von geburtshilflicher Gewalt geschildert. Weltweit stark schwankende, aber tendenziell hohe Prävalenzen (z.B. 17% in den USA) machen dabei deutlich, dass es sich wohlmöglich nicht um anekdotische Einzelfälle handelt. Systematische Forschung zu dem Thema ist jedoch rar. Psychologische Studien zur sexuellen Gewalt legen nahe, dass die Wahrnehmung von sexueller Gewalt nicht ausschließlich von objektiven Kriterien, sondern auch von psychologischen Faktoren abhängt. Aufbauend auf dieser Forschung haben wir ein ähnliches Phänomen im Kontext der geburtshilflichen Gewalt untersucht.
Methode. In zwei Studien (Studie 1: N = 298; Studie 2: N = 542) explorierten wir psychologische Faktoren, die mit der Tendenz eigene Geburtserfahrungen als gewalttätig oder nicht gewalttätig einzustufen einhergehen sowie Faktoren, die mit dem Wohlbefinden nach der Geburt zusammenhängen.
Ergebnisse. Die Ergebnisse deuten darauf hin, (1) dass die Einstufung als Gewalt u.a. von der Form der Gewaltkriterien (physisch vs. psychisch) und vom Alter des Kindes abhängt, (2) dass eine stärkere Legitimierung von Gewalt mit einer verminderten Interpretation von Gewalt als solcher einhergeht und (3) dass bei einer stärkeren Legitimation von geburtshilflicher Gewalt das psychische Wohlbefinden nach dem Erleben von Gewalt höher ist als bei Frauen mit geringerer Legitimationstendenz.
Schlussfolgerung. Die beiden Studien liefern wichtige, quantitative Daten für dieses noch unterrepräsentierte Thema. Sie tragen zu einem besseren Verständnis für die Wahrnehmung von Gewalt unter Geburt bei und verdeutlichen, dass die Berücksichtigung psychologischer Aspekte von hoher Wichtigkeit ist.
Präpartaler Zugang zu Frauen mit psychosozialen Belastungen in der Klinik für Geburtsmedizin Jena
Menke L, Schleußner E
Klinik für Geburtsmedizin, Universitätsklinikum Jena
Die Früherkennung von familiären Belastungsfaktoren und die Vermittlung in das System der Frühen Hilfen stellen einen wirksamen Schutz von Kindern vor Vernachlässigung und Gefährdung dar. Im Projekt Familienlotsen wurde für Jena und das Umland ein Zugang zu psychosozial belasteten Eltern mittels Screeningbogen zur Erfassung bestehender präpartaler Risikofaktoren entwickelt . Niedrigschwelligkeit, Freiwilligkeit und Kostenfreiheit sind dabei zentrale Prinzipien des Projektes.
Um dem Hilfebedarf zu begegnen, findet ein Clearing mittels Fragebogen in der Geburtsplanungssprechstunde mit anschließendem Linking statt. Es folgt eine klinikinterne Vermittlung innerhalb des psychosozialen Versorgungssystems .Zum wichtigen klinikexternen Netzwerk zählen in erster Linie die Angebote der Frühen Hilfen.
Bis zum 31.12.23 wurden 614 Schwangere per Screening erfasst, 165 Frauen und damit 25,4 %, wurden durch das Projekt aktiv unterstützt. Erfragter Hilfebedarf:
- Psychische Problem und psychische Erkrankungen: 60,1 %
- Konsum und Rauchen: 21,1 %
- Körperliche und / oder sexuelle Gewalterfahrungen: 12,1 %
- Drohende Erkrankung/Behinderung des Kindes: 8,9 %
- Traumatisches Geburtserleben: 6, 5 %
Klinikintern werden relevante Unterstützungsbedarfe präpartal in der klinikinternen Dokumentation erfasst, was eine höhere Informiertheit über die Risiken zur Geburt für das Personal bedeutet und eine gezielte Hilfe und ein präventives Handeln ermöglicht.
Fazit: Das Projekt „Familienlotse“ unterstützt werdende Eltern, bei einer frühzeitigeren und stabileren Inanspruchnahme Früher Hilfen. Familien mit besonderen Bedarfen werden so früher in ein unterstützendes Hilfesystem vermittelt und der Einsatz intensiverer Hilfen zur Erziehung kann so verringert werden.
Systematische strukturierte Erfassung des subjektiven maternalen Geburtserlebnis in der klinischen Routine
Heimann Y, Morach J, Schleicher M, Schleußner E, Weschenfelder F
Klinik für Geburtsmedizin, Universitätsklinikum Jena
Ein schlechtes Geburtserlebnis kann zu einer postpartalen posttraumatischen Belastungsstörungen (pPTSD) führen sowie Bonding und die Neugeborenenentwicklung negativ beeinflussen (Garthus-Niegel et al. 2016). Eine frühzeitige Erkennung potentiell gefährdeter Frauen und klinischer Prädiktoren für ein schlechtes Geburtserlebnis ermöglicht eine präventive individualisierte psychologische Betreuung.
Seit 10/2022 werden im Rahmen der ärztlichen Abschlussgespräche in der Klinik für Geburtsmedizin Jena Mütter gebeten anhand einer 5-Punkte-Likert-Skala ihr Geburtserlebnis zu bewerten: positiv/neutral (1–3) und negativ (4–5). Binärlogistische Modelle zur Ermittlung von Odds Ratios (OR) für anamnestische, schwangerschaftsbedingte und peripartale Parameter sowie Korrelationsanalyse zwischen Punktzahl und geburtshilflichen Daten mittels Spearmans ρ wurden durchgeführt.
Von 10/2022–12/2023 wurden 1.205 Frauen befragt, die im Median das Geburtserlebnis mit gut (= 2) bewerteten (IQR 1–3). 122 (10,1 %) Mütter gaben ein schlechtes oder sehr schlechtes (= 4 oder 5) Geburtserlebnis an. 25 (20,5 %) Frauen nahmen das Angebot einer psychologischen Nachsorge wahr. Ein signifikanter Einfluss eines abnormen pränatalen Screenings (OR 3,5; 95% KI 1,19–9,79), der sekundären Sectio (OR 2,79; KI 1,13–6,74), intra- (OR 6,76; KI 1,31–41,16) und postpartaler Blutungen (OR 0,15; KI 0,02–0,85) auf ein negatives Geburtserlebnis wurde nachgewiesen. Zusätzlich zeigte sich eine negative Korrelation zur Parität (ρ -0,2) und eine positive Korrelation zur Dauer der Eröffnungs- (ρ 0,14) und Austreibungsperiode (ρ 0,22) (alle p < 0,01).
Eine strukturierte Routineabfrage des Geburtserlebens ist im klinischen Alltag umsetzbar und belegt das 9 von 10 Wöchnerinnen mit ihrem Geburtserlebnis mindestens zufrieden sind. Dabei können prä- und intrapartale Einflüsse und klinische Prädiktoren für eine mögliche spätere pPTSD identifiziert werden, für die eine präventive psychologischen Nachsorge frühzeitig sinnvoll ist.
Peripartales Management bei Frauen mit Posttraumatischer Belastungsstörung
Degen K, Mutschler D
Psychiatrische Dienste Thurgau, Kreuzlingen, Schweiz
Eine Posttraumatische Belastungsstörung stellt einen Risikofaktor für die peripartale psychische Gesundheit, insbesondere für die Entstehung einer peripartalen PTBS dar. Es wird am Beispiel der Spital Thurgau AG aufgezeigt, wie die Zusammenarbeit von Psychiatrie und Gynäkologie/Geburtshilfe dazu genutzt werden kann, die Gefahr einer Re-Aktivierung, bzw. Re-Traumatisierung unter Geburt zu minimieren. Es wird dargestellt, welche psychiatrisch-psychotherapeutischen Interventionen bereits präpartal eingesetzt und wie Geburt und Wochenbett traumasensibel vorbereitet werden können. Es soll aufgezeigt werden, welche Bedeutung der interdiziplinären Zusammenarbeit dabei zukommt.
Ärztliche Gesprächsführung und psychologische Beratung bei Endometriose
Wischmann T, Ditzen B
Institut für Medizinische Psychologie, Universitätsklinikum Heidelberg
In der Praxis der niedergelassenen Frauenärztinnen und Frauenärzte in Deutschland bekommt die Erkrankung Endometriose einen größeren Stellenwert, es fehlt aber noch an „Werkzeugen“ zur Gesprächsführung und psychologischen Beratung bei Endometriose. In diesem Vortrag werden konkrete Hinweise für die ärztliche Beratung und Fragenbeispiele dazu sowie praxisnahe Tipps mit Formulierungsbeispielen für Betroffene von Endometriose (und deren Partner*innen) gegeben.
Die Grundpfeiler der Gesprächsführung bei dieser Erkrankung sind Validierung, Normalisierung und Entpathologisierung sowie Externalisierung. Validierung bedeutet hier zuerst, der Betroffenen die Intensität ihrer Schmerzwahrnehmungen zu bestätigen und diese nicht zu bagatellisieren bzw. gar als Simulation zu entwerten. Mittels Normalisierung und Entpathologisierung können die Symptome der Erkrankung eingeordnet werden in das gesamte Krankheitsbild, relativiert an den Berichten anderer von Endometriose Betroffener. Externalisierung kann hier heißen, über die innere Distanzierung eine neue Betrachtungsweise dieser Erkrankung zu erlangen und darüber mögliche eigene Ressourcen zu aktivieren. In diesem Zusammenhang hat das auch Konzept „posttraumatisches Wachstum“ seinen Platz. Es ist hilfreich in der Gesprächsführung zu vermitteln, dass die Entstehung von Endometriose wohl meist nicht auf frühere Traumatisierungen zurückzuführen ist. In der Bewältigung dieser Erkrankung macht das Konzept des posttraumatischen Wachstums hingegen sehr viel Sinn. Zentrale Elemente einer förderlichen Haltung bei Endometriose sind, Achtsamkeit und Selbstfürsorge, radikale Akzeptanz, Abgrenzung und Authentizität sowie, Selbstwirksamkeit.
Eine patientinnenorientierte ärztliche Beratung bei Endometriose kann auch von psychologischen Konzepten profitieren, die im Zusammenhang mit anderen chronischen Erkrankungen sowie Traumatisierungen entwickelt wurden, und die auch in der Gesprächsführung bei Endometriose gut anwendbar sind.
Geburten aus Sicht von Frauen, Hebammen und Ärztinnen: Die Erkennbarkeit der traumatischen Geburtserfahrung
Märthesheimer S1, Bergmann R1, Hagenbeck C2, Fehm T2, Schaal N K1
1 Institut für Experimentelle Psychologie, Heinrich Heine Universität Düsseldorf
2 Frauenklinik, Universitätsklinikum Düsseldorf
Das Spektrum der Geburtserfahrung reicht von maximal positiven, euphorischen Eindrücken bis hin zu traumatisch belastenden Erinnerungen. Häufig kommt den professionellen Geburtsbegleitern dabei eine entscheidende Rolle zu (1). Ob die Hebammen und ärztlichen GeburtshelferInnen die subjektive Geburtserfahrung und das Vorliegen einer traumatisch erlebten Geburt korrekt einschätzen können, ist die Fragestellung der vorliegenden Arbeit.
Die Geburtserfahrung von 478 Erstgebärenden wurde zu drei Zeitpunkten (2 Tage, 6 Wochen und 6 Monate postpartal) mit dem Childbirth Experience Questionnaire (4 Subskalen und Gesamtwert) sowie mit der Impact of Event Scale für posttraumatische Belastungssymptome infolge einer Geburt erfasst. Parallel beurteilten die geburtsbegleitenden Hebammen und GynäkologInnen die Geburt, indem sie das subjektive Geburtserleben aus Sicht der Frau auf einem analogen Kurzfragebogen auf visuellen Analogskalen eingeschätzten.
Die globale Geburtserfahrung der Frau und das eingeschätzte Geburtserleben korrelieren schwach bis mittelgradig positiv miteinander (.27 < r < .31, p< .001, je nach Messzeitpunkt). Bei den Subskalen fällt der Zusammenhang zwischen Frauenurteil und Personal schwach positiv aus (.10 < r < .28, p< .001). Während je nach Messzeitpunkt 9 – 20% aller Frauen unter posttraumatischen Belastungssymptomen leiden, werden davon nur 3 -17% korrekt als „traumatisiert“ durch Hebammen und ÄrztInnen eingeschätzt.
Die Einschätzung der globalen Geburtszufriedenheit wird von den GeburtsbegleiterInnen tendenziell richtig getroffen, wobei die Einschätzung der einzelnen Subdimensionen schwächer mit den tatsächlichen Geburtserfahrungen zusammenhängen. Besonders die Beurteilung einer traumatischen Geburtserfahrung ist nur unzureichend möglich. Für die Identifikation hochbelasteter Frauen und zur professionellen Handlungsreflexion reicht die Geburtsbegleitung allein ohne weitere Nachbesprechung nicht aus.
(1) Macpherson et al., Midwifery, 41 (2016) 68–78.
Die Belastung von Eltern Frühgeborener in den ersten Wochen nach der Geburt auf der Neonatologischen Intensivstation
Scholten N1, Mause L1, Dresbach T2
1 IMVR, Uniklinik Köln
2 Neonatologie, Universitätsklinikum Bonn
Einleitung: Kommt ein Kind mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm (vlbw) zur Welt, so geht dies mit besonderen psychosozialen Belastungen für die Eltern einher. Diese Belastungen und deren Auswirkungen auf die psychische Gesundheit kann durch Mütter und Väter bzw. unterschiedlich empfunden werden. Ziel der hier durchgeführten Analysen war es mehr über das Auftreten postpartaler Depressionen nach Geburt eines Kindes mit einem vlbw im zeitlichen Verlauf des Aufenthaltes auf der neonatologischen Intensivstation (NICU) aus Sicht der Mütter bzw. Väter zu erfahren.
Methode: Ausgewertet wurden Befragungsdaten (n = 229 Mütter und 211 Väter/Partner*innen) aus dem Neo-CamCare Projekt (FKZ: 01VSF18037) zur Evaluation des Einsatzes von Webcams auf der NICU. Hierbei erfasst wurde die EPDS zu 4 Zeitpunkten, jeweils im Abstand von 2 Wochen.
Ergebnisse: Zum ersten Befragungszeitpunkt liegt der EPDS Score der Mütter bei durchschnittlich 11,98 (SD 5,69) und bei Vätern bei 8,45 (SD 5,86) und sinkt hin zu 9,05 (SD 5,55) bei Müttern und 5,54 (SD 4,70) bei Vätern zu T4. Zu T1 weisen 49,01 % der Mütter eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Depression auf (EPDS Score über 13). Zu T4 sind dies noch 31.94 % der Mütter. Im multivariaten Modell, getrennt nach Müttern und Vätern berechnet zeigt sich neben dem signifikanten zeitlichen Effekt auch ein signifikanter Effekt für das Gestationsalter des Kindes (Varianzaufklärung Mütter: 8%; Väter 13%)). Die Hinzunahme der „negativen Emotionalität“ erhöht die Varianzaufklärung auf über 23 % bei Müttern und über 24% bei Vätern. Zum Zeitpunkt T1 sind die Varianzaufklärung und der Effekt der Gestationswoche für Väter deutlich höher als für die Mütter.
Diskussion: Das Risiko für postpartale Depressionen ist für Mütter, wie auch für Väter in Folge einer Frühgeburt deutlich erhöht. In der Literatur als Risikofaktoren hierfür angegeben werden unter anderem klinische Faktoren, wie das Gestationsalter, was sich auch in unseren Daten zeigt.
Sitzung Kurzvorträge 4
Vorsitz: Carsten Braun, Gelsenkirchen; Sophia Holthausen-Markou, Hannover
Auftreten psychischer Erkrankungen bei Patientinnen mit Mammakarzinom
Alexandra von Au, Heidelberg
Wie gelingt Kommunikation über Körpererleben und Sexualität in der gynäkologischen Onkologie und wie wirkt sie?
Sophia Holthausen-Markou, Hannover
Das Erleben von Gewalt unter der Geburt – Einflussfaktoren und Handlungsmöglichkeiten
Mi-Ran Okumu, Köln
Das Zusammenspiel von präpartaler Selbstwirksamkeit, Depressivität und Ängsten und der Zusammenhang zu einem traumatisch erlebten Geburtserlebnis
Romina Bergmann, Düsseldorf
Wiederholte Spontanaborte – eine vergleichende Exploration der Perspektiven weiblicher und männlicher Betroffener
Nina Coenen, Leipzig
Perinatal PTSD and the mother-infant bond: a systematic review and meta-analysis
Franciska Rehberg, Hamburg
Statusbericht der interprofessionellen Ausbildungsstation auf der Wöchnerinnen-Station (W-IPSTA) am Universitätsklinikum Bonn (UKB)
Franziska Roller, Bonn
Traumafokussierte Beratungen als sinnvolle Unterstützung und Ergänzung in der Versorgung von prä- und perinatalen Traumata
Kim Jennifer Kolb, Freising
Wie schlafen Primiparae?
Mareike Mees, Bonn
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Auftreten psychischer Erkrankungen bei Patientinnen mit Mammakarzinom
von Au A1, Gutsfeld R2, Dannehl D2, Hawighorst-Knapstein S3, Wallwiener S4
1 Frauenklinik, Universitätsklinik Heidelberg
2 Department für Frauengesundheit, Universitätsklinik Tübingen
3 AOK Baden-Württemberg, Stuttgart
4 Frauenklinik, Universitätsklinik Halle
Einleitung: Durch stetige Optimierung der Brustkrebs (BC)-Therapie und der damit einhergehenden Verbesserung des Überlebens ist ein zunehmend relevanter Therapieaspekt die Verbesserung der Lebensqualität. Dabei bergen sowohl die Krebsdiagnose selbst als auch die Therapie mit ihren potentiellen Nebenwirkungen ein Risiko für das psychische Wohlbefinden. Die Prävalenz für psychische Erkrankungen bei Krebspatienten allgemein schwankt jedoch sehr stark in der Literatur. Das Ziel dieser Studie war die Inzidenz von psychischen (Neu-)Erkrankungen bei BC-Patientinnen im Vergleich zur Normalbevölkerung zu analysieren.
Methoden: Bei dieser Studie handelt es sich um eine retrospektive Analyse von Krankenkassendaten der AOK Baden-Württemberg. Eingeschlossen wurden 11553 BC-Patientinnen, welche von Januar 2010 bis Dezember 2020 durch den ICD-Code „C50“ die BC-Diagnose erhalten haben, sowie 31944 alters-gematchte Kontrollpatientinnen. Ausschlusskriterium war eine psychische Erkrankung in den 4 Quartalen vor dem Indexzeitpunkt. Die psychischen Erkrankungen wurden ebenfalls anhand der ICD-Codes in 8 Formen unterteilt: Angst-, Zwangs-, Anpassungsstörung sowie Dissoziative/Hypochondrische/Affektive Störung, Manie, und „Andere Neurosen“.
Ergebnisse: Es zeigten sich mit 64,2% versus 38,1% signifikant mehr psychisch Erkrankte in der BC-Gruppe (p<0,01, Odds ratio (OR) 2,91). Insbesondere traten Erkrankungen aus dem Formenkreis der Neurotischen Störungen (Hypochondrische Störung, Angststörung und „Andere Neurosen“) sowie affektive Störungen und Anpassungsstörungen signifikant häufiger nach der Krebsdiagnose auf als in der Kontrollgruppe. Bezüglich Manie, Zwangsstörung und Dissoziativer Störung konnten keine Unterschiede zwischen den Gruppen gefunden werden.
Schlussfolgerung: Patientinnen mit BC leiden signifikant häufiger an einer psychischen Erkrankung – insbesondere Neurotische Störungen und Anpassungsstörungen treten gehäuft auf.
Wie gelingt Kommunikation über Körpererleben und Sexualität in der gynäkologischen Onkologie und wie wirkt sie?
Holthausen-Markou S
Frauenklinik, Medizinische Hochschule Hannover
Einleitung: Im Hinblick auf Wirksamkeit von Therapien und Lebenserwartung nach gynäkologischen Krebserkrankungen wurden große Erfolge erzielt. Ins ärztliche Bewusstsein ist zudem die Psychoonkologie gerückt.
Nicht selbstverständlich ist, Körpererleben und Sexualität als wesentliche Aspekte von Lebensqualität einzubeziehen in Behandlungen. Ein guter Umgang damit ist allerdings für viele Patientinnen und deren Partner ebenso bedeutsam für die Therapiemotivation, das Erleben von Zuversicht und Lebensfreude ist wie die Bewältigung von Ängsten vor Tumorprogress.
Methode: Für viele Patientinnen haben Operationen im gynäkologischen Bereich direkte Auswirkungen auf das Körper- und Identitätserleben. Aufgrund hormoneller Veränderungen bei Chemotherapie oder Entfernung der Eierstöcke sind Patientinnen zusätzlich in ihrer Libido eingeschränkt.
Im folgenden Kurzvortrag werde ich aus meinem reichen klinischen Alltag darstellen, wie gelungene Kommunikation, die das Erleben über den veränderten Körper, Sexualität und auch Phantasien darüber einbezieht, die Entwicklung von Lebensqualität und Resilienz steigert. Grundlage bilden die ressourcenorientierte psychodynamische Psychotherapie, Gynäkologie, Psychoonkologie und Sexualtherapie in Einzel-und Paargesprächen.
Ergebnisse: Voraussetzungen sind eine offene prozessorientierte therapeutische Haltung, die sexuelle Erlebnisfähigkeit als Qualität versteht, darüber hinaus, eine, die Schuld-und Schamgefühle entlastet. Wesentlich ist, zu ermutigen, über Befürchtungen zu sprechen und die Wiederaufnahme von Sexualität zu antizipieren. Dann können kreative Lösungen gedanklich entstehen, beginnend bereits prä-oder postoperativ.
Schlussfolgerung: Eine ressourcenorientierte, entlastende Kommunikation, die darüber hinaus ermutigt, neue Erfahrungen zu sammeln im Bereich des Körpererlebens und der Sexualität erhöht Lebensqualität und wirkt Resilienz- und Identität stärkend.
Das Erleben von Gewalt unter der Geburt – Einflussfaktoren und Handlungsmöglichkeiten
Okumu M R, Bach L, Oberröhrmann C, Volkert A, Scholten N
Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft, Lehrstuhl für Versorgungsforschung, Universität zu Köln, Medizinische Fakultät und Uniklinik Köln
Einleitung: Geburtshilfliche Routinen und Eingriffe werden unterschiedlich erlebt. Aus medizinischer Sicht notwendige und/oder dringende Interventionen können als gewaltvoll oder nicht gewaltvoll erlebt werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach Einflussfaktoren auf das (Nicht-) Erleben geburtshilflicher Gewalt aus Sicht von Gebärenden. Ziel ist es, ein tieferes Verständnis des Erlebensprozesses zu gewinnen. Darauf aufbauend sollen Handlungsmöglichkeiten für Versorgende abgeleitet werden, um die Wahrscheinlichkeit für (Re-)Traumatisierung Gebärender zu minimieren.
Methode: Die Datenerhebung- und Auswertung erfolgten im Sinne der Grounded Theory nach Strauss/Corbin. Insgesamt wurden 12 narrative Interviews mit Müttern geführt, die ihr/e Kind/er vor maximal zwölf Monaten im Krankenhaus geboren und dabei nach Definition von Jardim/Modena Gewalt erfahren haben.
Ergebnisse: Das (Nicht-)Erleben von Gewalt wird durch ursächliche (u. a. Komplikationen im Geburtsverlauf), kontextuelle (strukturelle Bedingungen, Persönlichkeitsmerkmale) sowie intervenierende Faktoren (u. a. Erwartungen) beeinflusst. Als entscheidend für die Bewertung einer Handlung/Intervention als (nicht) gewaltvoll zeigte sich die Ausprägung des Kohärenzgefühls (Anpassung des Kohärenzgefühls nach Antonovsky) der Gebärenden. Dieses bezieht sich auf die Verstehbarkeit (Nachvollziehbarkeit) und die Handhabbarkeit (Möglichkeiten der Bewältigung) einer Situation, Intervention oder Handlung.
Schlussfolgerung: In den Interviews zeigte sich, dass Versorgende durch ihre Interaktion mit den Gebärenden das Kohärenzgefühl stärken oder schwächen und somit die psychosoziale Gesundheit der Gebärenden sowohl kurz- als auch langfristig beeinflussen können. Dies lässt vermuten, dass eine aufmerksame Begleitung im Hinblick auf Verstehbarkeit und Handhabbarkeit einzelner Situationen, Interventionen und Handlungen unter der Geburt die Wahrscheinlichkeit für potenziell traumatische Erlebnisse minimieren kann.
Das Zusammenspiel von präpartaler Selbstwirksamkeit, Depressivität und Ängsten und der Zusammenhang zu einem traumatisch erlebten Geburtserlebnis
Bergmann R1, Märthesheimer S1, Hagenbeck C2, Balan P2, Fehm T2, Schaal N K1
1 Institut für experimentelle Psychologie, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
2 Frauenklinik, Universitätsklinikum Düsseldorf
Etwa 24.000 Mütter entwickeln im Jahr eine PTBS durch eine traumatisch erlebte Geburt in Deutschland [1]. Prädispositionen, wie präpartale Depressivität oder Ängste, erhöhen die Vulnerabilität für traumatogene Stresssreaktionen [1]. Selbstwirksamkeit wird hingegen als protektiver Faktor angenommen [2]. Zudem ist das Zusammenspiel von Depressivität, Ängsten und Selbstwirksamkeit in der Schwangerschaft noch nicht hinreichend untersucht [2].
Die prospektive Längsschnittstudie erfasste bei 360 Primigravidae im letzten Trimenon Depressivität, Geburtsangst und Selbstwirksamkeit. Zudem wurde 2 Tage, 6 Wochen und 6 Monate postpartal die traumatisch erlebte Geburtserfahrung erhoben.
Präpartale Depressivität und Geburtsangst zeigten einen negativen Zusammenhang mit präpartaler Selbstwirksamkeit: Je ausgeprägter die präpartale Depressivität bzw. Geburtsangst, desto geringer war die präpartale Selbstwirksamkeit. Auch waren Schwangere mit erhöhter präpartaler Depressivität bzw. Geburtsangst vulnerabler für eine traumatisch erlebte Geburt: Je höher die präpartalen Werte, desto ausgeprägter die traumatogene Stressreaktion. Es ergab sich kein Zusammenhang zwischen präpartaler Selbstwirksamkeit und einer traumatisch erlebten Geburt.
Um traumatisch erlebte Geburten zu minimieren, sollte bereits präpartal systematisch ein Screening erfolgen, um vulnerable Frauen zu detektieren. Interventionen, die die Selbstwirksamkeit erhöhen, stellen symptomübergreifend eine Chance dar, die Resilienz Betroffener zu stärken.
- Ayers, S., Bond, R., Bertullies, S. & Wijma, K. (2016). The aetiology of post-traumatic stress following childbirth: a meta-analysis and theoretical framework. Psychological medicine, 46(6), 1121-1134. doi: 0.1017/S0033291715002706
- Schwartz, L., Toohill, J., Creedy, D. K., Baird, K., Gamble J., & Fenwick, J. (2015). Factors associated with childbirth self-efficacy in Australian childbearing women. BMC pregnancy and childbirth, 15(1), 1-9. doi: 10.1186/s12884-015-0465-8
Wiederholte Spontanaborte – eine vergleichende Exploration der Perspektiven weiblicher und männlicher Betroffener
Coenen N1, Glaesmer H2, Stepan H1, Jank A3
1 Abteilung für Geburtsmedizin + Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Leipzig
2 Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universitätsklinikum Leipzig
3 Praxis Frauenärzte im Westbad, Leipzig
Einleitung: Wiederholte Spontanaborte betreffen zwischen 1–5% der Paare im reproduktionsfähigen Alter. Diese Studie stellt eine geschlechtervergleichende Exploration des Erlebens von und des Umgangs mit WSA dar, wobei Aspekte wie Auswirkungen auf Beziehungen und Kinderwunsch sowie Wünsche an das soziale Umfeld, den Partner bzw. die Partnerin und die Betreuung mit einbezogen wurden.
Methoden: Die Studie schließt 117 Personen, davon 50 Paare und 17 Frauen ohne teilnehmenden Partner, ein. Untersucht wurde mittels eines Fragebogens mit qualitativen und quantitativen Elementen bestehend aus dem ScreenIVF (bestehend aus STAI, BDI II, ISI), fünf sozioanamnestischen Fragen nach Kahmann (2001), dem nach Bergner (2006) modifizierten Freiburger Fragebogen zur Krankheitsverarbeitung, der COMPI Fertility Problem Stress Scale (adaptiert für WSA) sowie offenen und geschlossenen Fragen zu Unterstützungsangeboten und –bedarf. Die Auswertung erfolgte über SPSS und mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring.
Ergebnisse: Psychische Belastung durch und die Auswirkungen von WSA bei Frauen waren insgesamt größer. Frauen und Männer zeigten eine ähnliche Verteilung auf die vier untersuchten Copingstile, Frauen nutzten alle vier Stile stärker. Zusammenhänge zwischen Copingverhalten und psychischer Belastung sowie Auswirkungen zeigten sich deutlicher zwischen Coping des Mannes mit Belastung und Auswirkungen der Frau als umgekehrt. Beide Geschlechter wünschten sich offene Kommunikation, Empathie und Verständnis. Unterstützungsangebote waren Frauen insgesamt wichtiger. Risiko- und Schutzfaktoren waren teilweise geschlechtsspezifisch.
Schlussfolgerung: Die Unterschiede in Wahrnehmung der WSA und im Umgang sowie die Interdependenz der Paare bergen Risiken und unterstreichen die Notwendigkeit, männliche Perspektiven miteinzubeziehen.
Perinatal PTSD and the mother-infant bond: a systematic review and meta-analysis
Rehberg F, Rihm L, Buechl V, Even M, Rihm L
Institute for Systems Medicine (ISM) and Faculty of Medicine; Epidemiologie und Frauen- & Familiengesundheit, MSH Medical School Hamburg
Background: Despite a growing body of literature, understanding of the relationship between maternal symptoms of perinatal posttraumatic stress disorder (PTSD) and the emerging mother-infant bond (MIB) remains limited. This systematic review and meta-analysis elucidates this association considering both general PTSD (gPTSD) symptoms (i.e., not originating from childbirth) as well as childbirth-related PTSD (CB-PTSD) symptoms.
Methods: A comprehensive literature search screening for articles published until 07/06/2023 was conducted. Data were processed according to Meta-analysis of Observational Studies in Epidemiology (MOOSE) guidelines. Pooled effect sizes were estimated with random effects models.
Results: The systematic review includes 19 studies (8722 participants) and indicates a positive association between perinatal PTSD symptoms and impaired MIB. However, the relationship might be explained by confounding factors (e.g., depressive symptoms, general psychological distress). Meta-analyses suggest a small to moderate positive association between postnatal gPTSD symptoms and impaired MIB (n = 7) and a moderate positive association between CB-PTSD symptoms and impaired MIB (n = 12). Additional exploratory meta-analyses indicate that within the CB-PTSD construct, general rather than childbirth-related PTSD symptoms are more strongly related to MIB (n = 4).
Limitations: Heterogeneity across studies, methodological complexities in distinguishing perinatal PTSD subtypes, and a small number of studies should be noted.
Conclusions: The results indicate differential associations between gPTSD versus CB-PTSD and MIB. However, further research is required to fully elucidate the relationship between maternal perinatal PTSD and MIB and the role of individual symptom domains to inform the targeted development of interventions.
Statusbericht der interprofessionellen Ausbildungsstation auf der Wöchnerinnen-Station (W-IPSTA) am Universitätsklinikum Bonn (UKB)
Roller F, Satow J, Klein A
Gynäkologische Psychosomatik und Psychoonkologie, Universitätsklinikum Bonn
Einleitung. 2022 erfolge am UKB die Implementierung der W-IPSTA, auf der PJ‘ler:innen, Hebammen-Studierende und Auszubildende zur Pflegefachkraft mittels praxisbasierter Lehre und Supervision durch Lernbegleitende eigenverantwortlich am Wöchnerinnenbett zusammen arbeiten und lernen. Das Ziel der W-IPSTA ist die Stärkung einer ganzheitlichen und somit besseren Versorgung der Wöchnerinnen und ihrer Säuglinge durch den Ausbau interprofessioneller Kompetenzen, durch Kommunikationstrainings und einer psychosomatischen Vertiefung.
Methode. Vor Beginn (t0) und nach Beendigung (t1) eines Durchganges beantworten die Teilnehmenden (bisher N=12) online einen Fragebogen und offene Fragen. Zur Erhebung der Entwicklung der interprofessionellen Zusammenarbeit wird die deutsche Version (Reuschenbach et al., manuscript in preparation) der Assessment of Interprofessional Team Collaboration Scale AITCS-II (© Carole Orchard) verwendet. Die Mittelwerte der beiden Messzeitpunkte werden mittels t-Test verglichen. Durch offene Fragen werden die Teilnehmen nach Teilnahmegründen (t0), nach antizipierten (t0) und erlebten (t1) Herausforderungen, nach ihrem Kompetenzerwerb (t1) sowie nach der Veränderung ihrer Rollenverständnisse (t1) befragt.
Ergebnisse. Die Zwischenergebnisse des AITCS-II weisen auf eine Zunahme der interprofessionellen Zusammenarbeit hin: Die durchschnittliche Antwort zu Messzeitpunkt t1(M=3.96, SD=0.37) fällt höher aus als zu Messzeitpunkt t0 (M=3.18, SD=0.54). Es ergibt sich eine hohe Signifikanz: t(8) = -4.81, p < 0.0015). Die Zwischenergebnisse der offenen Fragen weisen auf eine wahrgenommene Veränderung des eigenen Rollenverständnisses und des Rollenverständnisses der beteiligten Professionen sowie auf einen Kompetenzzuwachs im Bereich Kommunikationstechniken hin.
Schlussfolgerungen. Laut dem aktuellen Zwischenstand führt eine W-IPSTA-Teilnahme zu einem Zugewinn interprofessioneller Kompetenzen.
Traumafokussierte Beratungen als sinnvolle Unterstützung und Ergänzung in der Versorgung von prä- und perinatalen Traumata
Kolb K J
Beratungspraxis Sichtwechsel, Freising
Einleitung: Gesellschaftliche Wandlungen und die Covid-19 Pandemie haben zu einer nachhaltigen Aggravation der psychischen Gesundheit in Deutschland geführt. Traumatisierte Menschen warten jedoch zu lange auf einen Psychotherapieplatz . Gerade bei pränatalen und perinatalen Traumata ist dies prekär. Entscheidend ist, die Eltern frühzeitig psychisch zu stabilisieren, da aus dem ersten Lebensjahr resultierende Traumata negative Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Bindung sowie die psychisch gesunde Entwicklung der Kinder generieren .
Methode: a) Traumaberatung als niederschwelliges Angebot
In der Traumaberatung gilt es, Menschen nach prä- und perinatalen traumatischen Erlebnissen zu stabilisieren. Der Begriff „Beratung“ senkt die Schwelle, Hilfe zu suchen. Stabilisierungstechniken sowie Ressourcenaktivierung und Psychoedukation in der Beratung bieten schnell Lösungsansätze, stärken die Elternkompetenz. Der Einstieg in eine spätere Psychotherapie wird erleichtert.
- b) Traumaberatung als Filter
Zuweilen ist keine Psychotherapie nötig. Die natürliche menschliche Resilienz braucht in vielen Fällen lediglich einen „Anstoß“ zur (Re-)Aktivierung, insbesondere bei leichteren prä- und perinatalen Traumata.
- c) Traumaberatung in der Abgrenzung
Die verantwortungsbewusste Exploration beim nachfragenden Kunden ermöglicht die professionelle Abgrenzung und Einschätzung des Falles und führt zur Übernahme des Falles oder zur Überleitung an einen Psychotherapeuten.
Ergebnisse und Schlussfolgerungen: Die Praxis in der Traumaberatung lässt erkennen:
-Traumata einer bestimmten Konsistenz sind durch Beratung wirksam zu bewältigen.
-Qualifizierte Beratung schafft im Einzelfall eine Brücke zur (medizinischen) Therapie und damit den Einstieg in die nachhaltige Auflösung.
-Die so gelösten Fälle entlasten das Psychotherapiesystem im Bereich der prä- und perinatalen Traumata.
Wie schlafen Primiparae?
Mees M1, Klein A1, Strizek B2
1 Psychosomatik, Universitätsklinik Bonn
2 Geburtshilfe und Perinatalmedizin, Universitätsklinik Bonn
Einleitung: Schlaf ist eine für fast alle Systeme des menschlichen Körpers lebensnotwendige Ressource. Die peripartale Zeit ist verknüpft mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für verminderten Schlaf. Lange wurde vermutet, dass Schlafentzug peripartal physiologisch ist und daher weniger schädlich. Dafür gibt jedoch keine wissenschaftliche Evidenz. Gut belegt ist ein erhöhtes Rezidivrisiko für psychisch vorerkrankte Wöchnerinnen mit peripartalem Schlafentzug. Ziel der Studie ist es, Veränderungen des Schlafes peripartal zu beschreiben und der Frage nachzugehen, inwiefern peripartaler Schlaf mit dem psychischen Befinden postpartal interagiert.
Methoden: Probandinnen wurden mittels Flyer und sozialer Netzwerke rekrutiert. Nach Prüfung der Ein- und Ausschlusskriterien konnten 27 Frauen in die Studie aufgenommen werden (N=27). Die Datenerhebung erfolgte prä-, peri- und postpartal mittels Onlinefragebögen. Der Schlaf wurde mittels Schlaftagebuch und Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI) erhoben. Das psychische Befinden wurde mittels Edinburgh Postpartal Depression Score (EPDS) erhoben.
Erste Ergebnisse: Die Frauen der vorliegenden Stichprobe kommen aus ganz Deutschland. Zum Zeitpunkt der Entbindung betrug das durchschnittliche Alter 33.1 Jahre (SD = 4.1 Jahre, min. 25 Jahre, max. 41 Jahre). 100 % (N=27) zeigten peripartal Schlaffragmentierung. 33.3 % (N=9) zeigten zusätzlich partiellen Schlafentzug (<7h, >7d). 11.1% (N=3) zeigten zusätzlich totalen Schlafentzug. 25.9 % (N=7) zeigten peripartal Schlaffragmentierung sowie partiellen und totalen Schlafentzug.
Schlussfolgerung: Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass die Mehrheit der Frauen dieser Studie von maßgeblichen Einschränkungen des Schlafes peripartal berichten. Bezogen auf die untersuchte Kohorte lässt sich die Forschungsfrage, ob Schlafentzug peripartal eine Rolle spielt, also eindeutig mit „ja“ beantworten.
